Tel Aviv

0707
2017
Fr
15:04
Tag
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Noch nicht mal sieben Stempel aus Arabischen Staaten im Pass handeln mir die Touristenattraktion „Privatinterview durch die Israelischen Einreisebehörden“ ein. Die kurze Befragung an der Passkontrolle muss reichen. „Where did you come from? Berlin. What did you do there? Fighting Tinnitus at daytime, enjoying it not getting worse at night in the clubs. Had a good time? Hell, yeah, beautiful people, magnificent places. Enjoy your stay!“

That’s it? Yep. Letzter Zug nach Tel Aviv und ab ins Hostel. Bewertungen im Internet sind unglaublich wichtig. Niemand weiss oder sagt, wer wie bewertet, aber alle geben Gold drauf. In meinem Fall haben offensichtlich Schweine einen kaputten Saustall postitiv bewertet. Das Overstay Hostel wär ein toller Club in Berlin. Hier schlafen oder gar Essen ist ernsthaft weniger toll.

Egal. Gute Reisen starten oft auf einem Misthaufen. Die weisse Stadt Tel Aviv ist wegen seiner Bauhaus-Architektur Weltkulturerbe. Ich bin Bauhaus-Fan, und ich scheiss auf weiss! Nach gut zehn Kilometern laufen ist für mich klar: der einzig schöne Rest von einigen 60 Jahren alten Häusern ist alles andere als weiss. Eher Rost und Dreck, aber trotzdem noch 1000 mal wertvoller als die höchst unfähig und strahlend weiss kaputtrenovierten Gebäude auf der Rothschild Avenue. Dresden hat seinen Weltkulturerbe-Status wegen einer Brücke verloren, und das selbe droht Regensburg? Die UNESCO ist weder befähigt, zu beurteilen was Gold ist, noch was versilbern bedeutet. Sie wählt willkürlich schon zuvor überbewertetes aus und kämpft dann für die rigorose Erhaltung eines oft recht wertlosen Status Quo. Überall auf der Welt.

Deutlich mehr begeistert mich mal wieder das nicht-Weltkulturerbe: die Altstadt Jaffa ist eng und schmutzig, aber die Handwerker leben und arbeiten hier noch wahrhaftig. Alte Teppich werden auf dem Gehsteig geflickt, Vespas ausgeschlachtet und Gewürze verkauft. Die Bikepolizei patroulliert auf blau-rot blinkenden Rädern mit M16-Gewehren am Strand. Davor haben die Surfer in den Wellen Spaß, und alle zehn Minuten markiert ein dicker Militärhubschrauber die Lufthoheit über den Moscheen zwischen glänzenden Luxus-Apartment-Hochhäusern. Die Einkaufszentren sind kalt und sicher dank stets auffallend kleiner Security-Gnome an jedem Eingang, die wirklich jede Tasche bis in ihre atomaren Bestandteile zerlegen.

An jedem zweiten Haus hängt eine Regenbogenflagge. Tel Aviv ist die Schwulenhauptstadt der Welt. Eine gerade hierher auswandernde badische Zuckertucke im Hostel erklärt mir, warum das so ist: „Allä hungän, denn alläs is teuä. Schweinäteuä. Deutschä Preisä kann man leicht mal zwei bis drei nehmän. Für alläs. Da die Tel Avivä“ – und vor allem die Schwulen, so mein Informant – „ähnlich den Brasilianän ein sehr körpabewußtäs Volk wärän macht das teuä Essän Workout defakto übaflüssisch.“ Jeder fährt mit E-Klappbikes oder feschen E-Holzrollern durch die Gegend. Einfach zwei Wochen nichts essen, fesch sein und schwupps – hat man schon die 2.500 € für ein hippes E-bike drin. Einmal im Monat ist dann sogar ein Clubbesuch drin, der mit angemessenem Spaßmaterial für eine ganze Nacht mit 100 bis 300 Euro zu Buche schlägt.

Am zweitem Tag gehe ich weiter nach Süden. Tel Aviv ist hier noch nicht mal eine Provinzhauptstadt, eher eine kleines Fischerdorf. Die Sonne brennt. Das Simon Perez Begegnungszentrum ist eine unerwartete Japanische Architektur-Erleuchtung. Die Araber wollen mich rausschmeissen, doch die Jüdische Kuratorin nennt ihre Avancen „just joking“. Hier ist so viel zu verbinden wie vermutlich nirgends anders auf der Welt. Nach 5 km versuche ich meinen Magen zu erden, doch der Versuch scheitert leider an wenigstens 30€ für eine Portion Spaghetti in einem drittklassigen Restaurant.

Ich ziehe weiter durch die Altstadt und den Markt. Günstige Ägyptische Zigaretten heitern die Stimmung auf, und vier weitere legendäre frisch gepresste Tel Aviver Orangensäfte für endlich mal deutlich unter 25€ pro Liter noch deutlich mehr. Ich bastel nache 10 Jahrem bloggen endlich mal an einem neuen kontemporärem Layout. Die Grundversioen rockt nach nur zwei Stunden. Die Kunden daheim halten still, und die Boombox am letzten Abend auf unserer Dachterrasse nebst guten Reisenden aus aller Welt setzen den Kontrapunkt so gut, daß ich Tel Aviv verlassen werde, ohne auch nur einen einzigen Club von innen gesehen zu haben.

Am Morgen laufe ich erst ein paar Kilometer zum Bahnhof um festzustellen, daß die Juden den Sabbat deutlich radikaler angehen als die Bayern den Sonntag. Der Bahnhof ist komplett abgeschlossen. Kein Züge oder Busse fahren zum Flughafen und meinem Mietwagen. Nach einiger Zeit finde ich ein paar Deutsche mit dem gleichen Ziel und teile mir mit ihnen ein Taxi für schlappe 50 Euro. Ich hab mir extra vor der Abreise eine Kreditkarte mit KFZ-Versicherung besorgt. Nach nur einer halben Stunde telefonieren wird sie auch akzeptiert – eine Personen-Versicherung brauche ich trotzdem extra für einen Aufpreis von schlappen 200% des Mietpreises. Israel wird immer teurer. Bei Sicherheit verstehen Israelis einfach gar keinen Spaß. Selbst meine kleine uralte Chevy Spark Kiste wurde nachgerüstet mit PIN-Code Eingabe vor dem Start, Abstandswarner, Geschwindigkeits-Überschreitungswarner, Gurtwarner und Spurwarner. Alle fünf piepen mich um die Wette weg aus Tel Aviv und direkt ins Nirvana…

Jaffa Markt
Tel Aviv Beach
Shimon Perez Begenungszentrum
Shimon Perez Begenungszentrum
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Jaffa


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One Comment

Peter Woelky

ich wundere mich über dein Erstaunen über die Verhältnisse in Tel Aviv. Seit Jahren wird in vielen seriösen Reiseberichten, u.a. in der SZ, davon berichtet.

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