20.000 cm unter dem Meer

1107
2017
Di
19:12
Tag
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Das Küstengebirge zwischen Haifa und dem Inland liegt hinter mir. Auf der letzten Abfahrt runter zum 209 m unter dem Meeresspiegel liegenden See Genezareth packt eine heftige Böe mein Auto und schleudert es fast von der Straße. YES! Right spot! Hier herrschen die stärksten Winde Israels. Die Bäume biegen sich in fast 40 °C.

Tiberias ist nicht zu groß, nicht zu klein und liegt mitten in einer Gegend, deren Kartographen man einfach nur raten möchte: markiert bitte nur, wo es nichts super geschichtsträchtiges zu entdecken gibt! Viel weniger Arbeit. Sie machen sich aber die Arbeit. Drei Weltreligionen, Jesus Wirkstätten, Kreuzzüge, Kriege, 5000 Jahre Geschichte und Natur. Abwechslung wäre eine maßlose Untertreibung.

Das Tiberias Hostel liegt mitten in der Stadt, bietet eine Dachterrasse mit Blick auf den nahen See Genezareth und beherbergt wirklich die bunteste Mischung an Nationen und Menschentypen, die mir je auf allen meinen Reisen untergekommen ist. Jeder hat Geschichten. Der Kapstädter war dem Alkoholismus verfallen. Seine Leberzirrhose gab ihm noch wenige Monate zu leben. Jesus erschien ihm im Koma. Am nächsten Tag war er geheilt. Jetzt missioniert er im Iran.

Ich glaube nicht an Wunder. Ich glaube an Magie von Geschichten. Davon gibt es hier mehr als irgendwo anders auf der Welt. Ein Ami überlebte eine tödliche Schädelverletzung und stopft jetzt das Loch mit Glauben. Vier andere – auf einjähriger Weltreise durch 30 Länder – liegen den ganzen Tag nur Videos streamend im Dorm und bilden damit einen amüsanten Kontrapunkt zu Wundern und gut gelebtem Leben. Einen Tag glotzen Sie tatsächlich mal im Gemeinschaftsbereich. Mein „Hallelujah, brothers!“ quittieren sie mit einem verwirrten Blick.

Gleich am ersten Tag steigt das Thermometer auf 44°C. 20.000 cm unter dem Meer ist die Luft zäh wie Honig und feucht wie Wandersocken. Mein höchster Respekt gilt den ultraorthodoxen Juden in Vollmontur. Die ist definitiv wintertauglich, und sie schwitzen noch nicht mal am Mittag in der Knallesonne. Ich zerlaufe nonstop in praktisch nichts. Fünf Liter Wasser am Tag sind das Minimum.

Ich fliehe auf die Golanhöhen. Hier ist der Obstgarten Israels: Bananen, Orangen, Mangos, Äpfeln und selbst den Dattelpalmen ist es weiter unten einfach zu heiss. Im Dreiländereck zwischen Jordanien, Syrien und Israel liegt die Osmanische Burg Nimrod aus dem 13. Jahrhundert auf einem 850m hohen Berggrat. Der Ausblick ist gewaltig, die Geheimgänge, Zisterne, riesige Steinblöcke sowie Ausmaße von 450 auf 150 Metern ebenso. Am wichtigsten aber: hier oben hat es nur 37° C. Ein paar Meter weiter fahre ich an einem Fieberglas-Schneemann, gefolgt von einigen „Apres-Ski“ schildern vorbei. Reiseführer nicht lesen bringt tolle Überraschungen. Auf dem Mount Hermon sitzt heute die UN. Die Locals haben dort oben das Cafe Anan eröffnet. „Anan“ bedeutet „im Himmel“.

Der für Sonntag verkündete Waffenstillstand ruht sich aus. In der Ferne höre ich vermutlich Israelische Artilleriegranaten in Syrien einschlagen. Weiter südlich komme ich auf Nebenstraßen an zerschossenen Häuser und zahlreichen toten Panzern aus dem Yom Kippur Krieg von 1973 vorbei und bis auf 500 m an die Syrische Grenze heran.

Am nächsten Tag geht es mit einem Amerikanischen Juden durch zahlreiche Ausgrabungsstätten bis runter auf das erste Jahrhundert und vorbei an St. Peters Kirche am Ufer des Sees Genezareth rauf in den Yehudini Nationalpark. Bei immernoch über 40°C wird selbst die kleine Wanderung bis in einen Lava-Canyon mit einem Wasserfall und natürlichem Pool zum Extremsport. Die Eisenleitern nach unten kann man nur freihändig besteigen. Mit Händen zischt es.

Nach zwei Tagen Flaute wird es Zeit für Wind. Laut lokalen Kitern am 30 km gegenüber auf der anderen Seeseite liegenden einzigen Kitespot „Diamond Beach“ stirbt auch thermischer Wind bei über 40° den Hitzetod. Seit drei Tagen liegt er im Koma. Aber morgen soll die Temperatur 2°C runtergehen und der Wind auf West drehen – und dann soll es so richtig angenehem ballern mit 20 bis 30 Knoten. Ich fahre voller Vorfreude in den Sonnenuntergang zurück nach Hause.

Tiberias
Burg Nimrod
Burg Nimrod
Burg Nimrod
Yehudini NP
Yehudini National Park
Panzerleiche aus Yom Kippur Krieg 1973
An der Syrischen Grenze
Yom Kippur Ruinen
Yehudini NP, Wasserfall
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Ein Kommentar

  • carin woelky schreibt am Mittwoch, 12.7.2017 um 19:41 Uhr:

    wieder toller Bericht! So ,wie wenn man selbst dort ist.

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