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Rhodos: Geschichte ist geil

Ich trete der Facebook Gruppe "Ich trinke Ouzo und helfe Griechenland somit aus den Schulden" bei. Die Bildzeitung lehrt uns, dass wir den Griechen Luxusrenten finanzieren. 22 Milliarden sind da ein Tropfen auf den heißen Stein. Jeder dritte Griechische Arbeitnehmer ist Beamte.
 
Das erfordert mehr blinden Aktionismus. Ich fliege nach Rhodos und starte dort direkt mein humanistisch motiviertes Hilfsprojekt "Trivago verjubelt vier Sterne zu 12 Euro täglich". Zu diesen Kursen dauert es grob geschätzt nur ca. 780 Jahre, bis wir wieder König von Griechenland sind. Sollte der Plan nicht hinhauen, schicken wir einfach Stoiber runter.
 
Der erste Tag auf Rhodos ist schon mein vierter Sonnentag dieses Jahr. Bei angnehmen 25 Grad laufen wir einmal um die 5km lange und bis zu 1300 Jahre alte Stadtmauer von Rhodos. Die Muslime haben hier 1557 unter Sultan Süleymann II so dermaßen großen Gefallen am Bowling gefunden, dass selbst die Johanniter schwer beeindruckt waren.
 
Sie gaben ihre 1309 nach der Pleite im Heiligen Land gegründeten Exilantenstaat auf und flohen nach Malta. Dort nannten sie sich Malteser und ließen sich nach den Napoleonischen Kriegen endgültig entwaffnen. Heute sind Sie wieder Raubritter und fahren unter dem Roten Kreuz und den Namen Malteser und Johanniter.
 
Die Bowlingkugeln liegen heute überall vor den Stadtmauern, und die Kegel haben die Italiener ab 1940 wieder sauber aufgerichtet. Nicht korrekt, aber trotzdem deutlich beeindruckender als Neuschwanstein in Disney-World. Nichts ist wirklich echt, aber sich wie eine Ameise vor der Chinesischen Mauer fühlen ist deutlich besser als lustige Schilder die mit "hier stand einmal…" anfangen zu lesen.
 
Auf der Hafenseite brechen wir durch die Mauer. Die Muslime schafften das damals auf der anderen Seite im Spanischer Obrigkeit unterstellten Bereich. Auch die Verdopplung des Mauerrings plus 20m Burggraben könnten das nicht verhindern. Sie herrschten 400 Jahre lang friedlich und im Einklang mit Christen und Juden. Dann kamen mal wieder die blöden Nazis und bewiesen, dass Intoleranz wirklich eine zutiefst deutsche Tugend ist.
 
Die Altstadt von Rhodos ist wirklich alt. Ritterherbergen aus dem 15. Jahrhundert, neue Boutique-Hotels mit Grafen-Logen zu 350 Euro die Nacht und enge Gassen mit dunklen schweren Holztüren, durch die man direkt in Wohnzimmer blickt. Hunderttausend Katzen als Müllabfuhr und hunderttausend Touristen als eifrige Produzenten. Sie sammeln sich in wenigen Gassen. Sehr fein, denn außenrum ist alles still und leer – selbst im Großmeister-Palast sind grade mal eine Handvoll Touristen unterwegs. Die Blumen draußen blühen still im sanften Wind.
 
Nach schlappen 10 km Fussmarsch sind wir erst mal ebenso schlapp. Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus in die Stadt. Dass Griechenland ein bisschen Staatsdefizit hat ist kein Wunder. Auf dem Markt kosten Diesel-Gürtel vier Euro. Ein Pitta-Gyros für zwei Euro machen den Besitzer auch nicht reich, aber uns sehr glücklich. Auch in Griechenland gibt's immer wieder wirklich grottenschlechtes Gyros. Ich halte verzweifelnd an meinem Plan fest, micht 14 Tage nur von Gyros zu ernähren.
 
Das mag schwer werden. Das erste Gyros dauert mehrere Stunden. Der Ober bricht beim servieren in einen prä-hellenistischen Keller ein. Binnen Minuten sind wir umgeben von einer Schar gackender Archäologen, die gelbe Bänder spannen. Kein Grieche auf Rhodos würde jemals ein Haus mit Keller planen. Rhodos ist Geschichte. Überall.
 
Auf dem Berg über Rhodos-Stadt liegt ein antikes Stadium und Theater. Schon Cicero lernte hier Rhetorik. Dreieinhalb re-erektierte Säulen eines antiken Tempels stehen auf dem Schlachtfeld der Geschichte. Das beeidruckt mich als Anrainer der Walhalla nicht unbedingt fundamental. Aber die jungen Griechen finden Geschichte definitiv voll geil. Auf dem Parkplatz vor dem Tempel liegen massig Taschentücher und Kondome in der Geschmacksrichtung Minze.


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1 Kommentar zu “ Rhodos: Geschichte ist geil ”

Wie die Zeiten sich ändern! Vor fünf Jahren lagen da noch Kondome ohne Geschmack. Glaub ich jedenfalls, wirklich probiert hab ich die Dinger nie! Minze: Schmeckt daS gut? Egal! Wenn Du da oben stehst, vergiss die Gummis und genieß die geniale Aussicht auf Ialissos!

Kommentar von Ollie am 3.6.2010

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