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Lindos, nachts / Hellas, quo vadis?

Schon bei meinem ersten Besuch in Lindos sind mir die unzählbaren Kneipen in alten Kapitänshäusern aufgefallen. Aber wir hatten keine Zeit für eine Nachtschicht. Diesesmal haben wir keine Zeit für Sehenswürdigkeiten, wir sind hier nur für’s Nachtleben hergekommen. Check-In im Hotel, runter in die Altstadt und rein in die Nacht!

Wie fing die Krise in Griechenland eigentlich an? Noch nicht mal die Griechen konnten mir das erklären. Bestechnung, Überbürokratisierung und ein gutes Maß an Verschwendungssucht waren sicher mit dabei. Aber wie zum Teufel kann man in derart kurzer Zeit ein ganzes Land so dermaßen heftig gegen die Wand fahren?

Unsere erste Kneipe beherbergt eine britische Hochzeitsgesellschaft. Ich will nicht stören, aber Uli schnell was trinken. Wir stürmen. Der Barkeeper schenkt gut aus, der DJ hat Spaß, wir sind schwarze Flecken in einem Traum aus weiss. Briten mögen keine Deutschen. Vor allem dann nicht, wenn sie auf der eigenen Hochzeit mehr Spaß haben als das Brautpaar. Wir werden höflich gebeten uns zu entfernen. Der Barkeeper trauert seiner großen Liebe aus München hinterher.

Der EU-Beitritt brachte Griechenland anfangs definitiv viele Vorteile: Subventionen, mehr Stabilität, geringere Inflation und mehr Investitionen. Das blieb jedoch nicht lange so. Subventionen wurden abgebaut wo unrentabel. Mit dem EU-Beitritt erweiterte Griechenland seine ohnehin schon gigantische Bürokratie (20% aller arbeitenden Griechen sind Beamte!) noch weiter und wurde damit noch unproduktiver. Investoren wurden genau hierdurch und einen undurchdringbaren Gesetzes-Dschungel abgeschreckt.

Unsere zweite Station ist ein geniales Restaurant mitten in der Altstadt von Lindos: Im Stefany’s speist man auf einer Dachterrasse mit Blick auf die Akropolis von Lindos. Das Essen ist hervorragend, der Wein gut, die Bedienung zuvorkommend, die Preise günstig. Wir schlemmen uns durch die Karte und fassen einen Plan: Zehn Bars sollen unserer würdig sein. Einen vom Kiten und A/C hängen gebliebenen leichten Husten plätte ich vorher schnell mit Hustensaft weg.

Griechenland ist der Erfinder der Demokratie. Kein Land hatte eine höhere Zustimmungsquote bei der Europäischen Verfassung. Aber die Demokratie funktioniert nicht mehr in Griechenland. Sie ist uneffektiv, korrupt und verdorben. Die Griechen wissen nicht mehr, wen sie als nächstes wählen sollen, niemand wäre eine Option, sagen sie. Jeder hat gelogen, betrogen, gefälscht.

Die Captain’s Bar befindet sich in einem alten reich verzierten Haus direkt am Fuss der Akropolis. Am Tresen sitzt stilecht ein besoffener Brite mit schwer tätowierten Armen. Der Keeper bringt mir einen Griechischen Kaffee mit Ouzo. Im hinteren Bereich der Bar ist eine komplette Schiffsbrücke samt Schlafkojen eingebaut. Wofür man die braucht bleibt mir ein Rätsel. Alle Bars in Lindos machen um ein Uhr dicht.

Eine typische Abfolge von Straßenschildern auf Rhodos ist 80, Überholverbot, 60 aufgehoben, 50, 80 aufgehoben, 50 aufgehoben, Überholverbot aufgehoben, 50. Das alles auf 300m Wegstrecke. Nichts demonstriert die Griechische Überbürokratisierung besser. Diese vollkommene Idiotie der Regeln führt zur absoluten Ignoranz: 30% schneller fahren ist das absolute Minimum. Darunter läuft man Gefahr, von einem getuneten Mopped gerammt zu werden. 50% plus ist guter Ton. Ab 100% plus darf man sich ein Taxischild auf’s Dach montieren.

Yanni’s Bar stand auf unserer Empfehlungsliste. Die Ouzos sind würzig, die Oliven groß, der DJ happy, dass endlich jemand tanzt (ich war’s nicht!). Klassischer Rock zieht Leute an, hier ist endlich mal nicht nur die Atmosphäre toll, sondern auch die Kneipe halbwegs voll.

Auch die Kiter leiden gerade schwer. Vor wenigen Tagen erließ Griechenland ein Gesetz, daß Kitesurfen generell für illegal erklärt. Einzig an speziell ausgewiesenen – und damit gepachteten – Stränden ist das Kiten noch erlaubt. Folge: Kiteschulen zahlen Pacht, und alle Kiter dürfen Startgebühren abdrücken. Es ist unrecht, für Wind zu zahlen! Es darf keine Pflicht sein, extra Gebühren für Kite-Lagerung zu zahlen! Das ist riesen Mist! Kiter! Unterzeichnen!

Die Four’O Bar begrüßt uns mit sauberer Electronica. Der Ouzo bleibt der beste des ganzen Abends. Uli erfreut mal wieder einen DJ. Der Boden fängt langsam an, sich zu drehen. Ich habe seit zwei Tagen keine Kippe geraucht. Der Husten wird schlimmer.

Nur Gott kennt alle Griechischen Gesetze. Ich glaube: noch nicht mal der. Die Griechen kennen sie jedenfalls nicht. Halb so tragisch. Die Polizei übt sich häufig in Nachsicht, wenn sie mal ein Gesetz kennt, dass dem Bürger unbekannt ist. Helmpflicht zum Beispiel. Einzige Ausnahme: Dieses Gesetzt, das es einzig und alleine Handwerkern gestattet, mehr als eine gewisse Anzahl von Schrauben mit dem Auto zu transportieren. Das wird strikt geahndet. Die Aussagen darüber, welche Schraubenanzahl noch legal ist schwanken allerdings beträchtlich.

In der Roses Bar wird richtig guter House aufgelegt. Etwas leise leider. Lindos ist eng und klein, der Schall verteilt sich wirklich gut. Langsam wird es heiss. Kühler Ouzo verschafft Linderung. Britinnen sind immer wieder für einen Lacher gut, vor allem wenn sie versuchen, sich „ausgehtauglich“ zu machen.

Angeblich kam der Zusammenbruch des Griechischen Staates erst durch die Garantien, die der Staat für die durch die Lehman Brothers geschädigten Banken gab. Waren das echt die 100 Milliarden Euro, die die EU Griechenland als Kredit gab? Und jetzt schon wieder 100 Milliarden Euro? Dafür, dass gleich der nächste Generalstreik die Bereitschaft zur Selbsthilfe übermittelt?

Die Icon Bar ist purer Stil in weissem Leder und Glas. Die Türsteher nehmen ihren Job allesamt sehr genau. Jede Tür ist eine zweistufige Schleuse. Keiner kommt mit Schall raus oder rein. Noch ein Ouzo…tanzen…

Hellas, quo vadis? Ich hab keine Ahnung, ich finde keine Gründe. Ich sehe dass die Armen ärmer werden. Reiche habe ich kaum getroffen. Die anderen zahlen 1,90 Euro für den Liter Super.

Ice Bar…rumänischer DJ, tanzende Briten, noch mehr Ouzo…dann noch zwei Bars, deren Namen ich vergesse. Das Antico als Neo-Barocker Designtempel folgt ganz am Schluss. Die Musik ist bereits aus, aber irgendein schändlicher Typ gibt uns den Tipp, dass nach ein Uhr nur noch eine Bar in Lindos offen hat. Wir befolgen den Tipp brav, bis nichts mehr geht.

Der Nächste Tag ist dem Tod gewidmet. In der größten Mittagshitze rauf auf die Akropolis. Ich breche beinahe zusammen. Schiebe das auf den Ouzo der letzten Nacht. Bis zum Abend muss ich mir eingestehen, dass es wohl doch eher eine böse Grippe ist. Selbige haut mich in Rhodos-Stadt 24h mit hohem Fieber ins Bett und hält mich auf Heimreise mit Dauerhusten und Schweissbad über 30 Stunden am Stück wach. Erst daheim und mit kräftig starken Codein-Tropfen kann ich endlich wieder schlafen…



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