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Leben wie Gott in Frankreich?

Manche Weisheiten sind einfach zu begreifen. Andere muss man überleben, um sie ansatzweise zu verstehen. „Leben wie Gott in Frankreich“ gehört zu den letzteren. Das Ziel: Die Provence. Die Zeit: höchste Hochsaison, Sommerferienbeginn in Bayern und Frankreich.

Präsident Hollande rief sein Volk im Angesicht der Wirtschaftskrise dazu auf, im eigenen Land Urlaub zu machen. Es gehorcht in Massen. Ich wundere mich noch, dass wir es abends in nur 3,5h nach Mulhouse, Frankreich schaffen. Der Stau kommt erst nach der durchfahrenen Nacht vor der Abfahrt ins Rhone-Tal bei Montélimar. Ab da geht alles sehr langsam. Alle 10 km haben die Franzosen Opferaltare für Mercurius aufgebaut. Sie blitzen in der Nacht.

Zum Morgengrauen ein Croissant in Vaison la Romaine. Danach weiter in die alten Dörfer der Dentelles. Es wird heiss. Nix gegen Ra. Nach dem versifftesten Bayerischen Sommer seit Menschengedenken sind wir für jeden Sonnenstrahl dankbar. Doch 14h im Auto fordern ihren Tribut. Die fast 500 Rennradler, die sich während unserer Überfahrt des Mont Ventoux den Berg hinaufquälen reissen uns zu keinen großen Begeisterungsstürmen hin. Das schafft nur noch der schattige Ruheplatz auf einem Weingut in den Dentelles kurz darauf. Die Tour de France zieht vorüber.

Am Abend kommen wir in Orange an. Das römische Amphitheater liegt recht still vor uns. Minerva schläft. Wir decken uns für mehrere Tage in der Wildnis ein und fahren nach einer kurzen Nacht am nächsten Morgen weiter ans Mittelmeer. Durch die neu errichtete Camper-Sperre in der Carmargue passen wir gerade noch durch. Zahlreiche Autos bringen auf den 20 km Schlagloch-Piste zum Kiter-Mekka Beauduc Merkur Opfergaben in Form von Stossdämpfern und Verkleidungen dar. Die Flamingos können das nicht mit ansehen und stecken ihre Köpfe ins Wasser.

Am rechten Strand darf man immernoch umsonst Campen, auch wenn es dieses Jahr große Probleme mit den lokalen Behörden gibt. Wenigstens ist die Zufahrt zum Strand besser denn je.  Dank den guten 5 km befahrbarem Strand zerlaufen sich tausende von Autos und Campern überraschend gut. Ganz am Ende, kurz vor dem Beginn des Naturschutzgebietes, bauen wir unser Camp auf. Unglaublich, was alles ins Auto passte. Aeolus schenkt mir den ganzen Tag schöne 18 Knoten, Ich komme endlich zum Kiten.

Die eigentlich verbotenen Strandfeuer kümmern noch nicht mal die Park-Ranger. Alles wirkt relaxed wie immer. Wir grillen und huldigen Bacchus mit einem Dutzend Österreichern. Am nächsten Tag ist der Wind genauso weg wie ca. 90% aller Camper vom Wochenende. Der Strand ist leer, ruhig und heiss. Wir wandern ein paar Kilometer zu einem Leuchtturm. Der salzige Sand verbrennt die Füsse. Alles ist still. Die Sonne geht unter. Einen Tag später reisen wir weiter.

Wir wählen „schöne Route“ im Navi. Böser Fehler. Unmittelbare Folge sind eine Stunde Meditationsübungen im Stau rund um den alten Hafen im Chaos von Marseille. Wenig später kommen wir in Cassis an. Eine Auto-Schlange quält sich runter, eine rauf. Dazwischen stehen alle. Wer sich nach Medusa umdreht, erstarrt zu Stein. In ganz Cassis gibt es keinen einzigen freien Parkplatz. Es ist eng und völlig überlaufen. Fünf Hotels sind ausgebucht, der einzige Campingplatz genauso. Mit einer Bootstour zu den legendären azurblauen Calenque-Buchten wird’s also nix.

Weiter nach La Ciotat, eine Stunde auf’s Essen warten. Auch alles ausgebucht. Wir müssen weg vom Meer. 180 km rauf in den Nationalpark von Verdon mit dem blau leuchtenden Lac St. Croix. Drei weitere Hotels und fünf Campingplätze sind ausgebucht. Wir haben kaum noch Augen für das schöne, sind zu platt von 12 Stunden on the road mal wieder. Die Passstraße nördlich des Verdon führt uns kurz vor Sonnenuntergang zu einem kleinen Camping á la Ferme mit Blick über die Schlucht – und einem freien Platz.

Auf knapp 1000 m Höhe wird die Nacht recht kühl. Der Verdon mit seinen bis zu 700 m tiefen Schluchten gilt als das großartigste Rafting-Gebiet Europas. Also versuche ich am nächsten Morgen eine Tour zu organisieren. Doch im Sommer herrscht Niedrigwasser. Rafting geht nur Dienstag und Samstag, wenn die Schleusen in Castellane geöffent werden. Bleibt noch Canyoning. Aber alle Touren sind komplett ausgebucht. Zurück zur Farm.

Wir wandern 8 km ins steile Tal des Verdon hinab. Das Wasser ist kalt und klar. Darauf tummeln sich pro 100 m Fluss genausoviele Touristen auf Tretbooten und Kajaks, die vom nahen Lac St. Croix heraufkamen. Ihre Schreie hallen in der engen Schlucht. Wir hofften, bis zum See wandern zu können. Doch der Sentier des Pecheurs führt wieder den Hang hinauf, 400 steile Höhenmeter bei über 30 Grad. Oben versuche ich für die anderen zurück zum Auto zu stoppen. Über 100 Autos fahren vorbei, ist der beschissenste Platz zum Trampen weltweit.

Mit dem Auto hole ich Mel, Uli und Thilo ab, wir fahren runter an den überfüllten See. Rauf nach Moustiers-Sainte-Marie, einem schönen alten Felsendorf. Leider auch vollkommen überlaufen. Dafür gibt’s fünf Blätter Salat für nur 6,70 € und ein Glas Honig für 14 €. Es reicht, zum ersten Mal in meinem Leben will ich nicht weiter ohne ein reserviertes Hotel. Hochsaison in der Provence überlebt man nur mit göttlichem Beistand. Mit dem Handy buchen wir zwei Zimmer in Cannes für die nächste Nacht. Dauert nur knapp eine Stunde. Es ist schon lange dunkel, als wir wieder die Passstraße nach oben ins Camp heizen.

Früh am nächsten Morgen geht es weiter durch das Verdon-Tal nach Castellane und Grasse, der Weltstadt des Parfums. In den Gassen wird Flieder-aromatisiertes Kühlwasser versprüht. Reicht leider nicht für Szenen á la „Das Parfum“. Weiter nach Cannes, wieder mal ein langer Stau. Voller Freude stellen wir fest, dass unser Hotel nur 300 m neben dem Festival-Palast liegt. Die Freude verfliegt, als wir feststellen, dass wir in die Fussgängerzone nicht reinkommen und der einzige Parkplatz pro Tag nette 28 € extra kostet.

Unsere Hotel-Buchung via Venere kam an. Zumindest eine von zwei. Nach einer halben Stunde Diskussion kriegen wir die letzte freie Abstellkammer für nur 76 € die Nacht. Luxusyachten spannen, La Croisette geiern, Festivalpalast umrunden, roten Teppich beschnüffeln, Beruhigungs-Cocktail schlürfen, rauf auf die Burg, etwas teuer essen, ab ins Bett. Cannes. Check.

Ich organisiere für den nächsten Tag einen Campingplatz an der Cote d’Azur in Sainte-Maxime bei St.Tropez. Für die 50 km brauchen wir dank obligatorischem Stau nur knapp 3h. Mars zieht in seinem Schlachtwagen vorbei. In St.Maxime angekommen rotzt der Camping Chef: „Ja wie? Nur einen Tag? Non.“, dreht sich um und geht davon. Danke, Arschloch! Weiter. Wir fühlen uns verloren. Das ist alles Wahnsinn hier. Wahnsinn bei 35 Grad, gerührt.

Nach weiteren zwei Stunden kommen wir auf der Halbinsel von Hyères an. Drei Campingplätze sind dicht, einer hässlich, der letzte schön und halbwegs günstig. Günstig? Bei Preisen von bis zu 60 € für eine Nacht am Campinplatz oder 180 € für eine Nacht in der Holzhütte schaut man irgendwann drauf. Zelt aufbauen, ab ans Meer. Es ist heiss und voll. Neptun haben die paar tausend Badenden sicher schon längst ertränkt. Mein Kopf ist taub. Ich seh nix mehr schönes, bin nur noch platt und gestresst.

Am nächsten Morgen müssen wir auf einen anderen Platz umziehen. Danach touren wir mit dem Auto über die Halbinsel von Hyères. Noch ein böser Fehler. Es geht nicht vor, nicht zurück. Ich überfahr beinahe einen Hund, während ich mich wundere, dass die Halbinsel nicht unter dem Gewicht der Autos absäuft oder einfach geschlossen wird. Rien ne vas plus. Kein vor, kein zurück, kein Parkplatz. Nur Anwohnerstraßen und Stau. Altstadt von Hyères, offenes Wlan suchen für das Booking des nächsten Tages. Scheitert gute zwei Stunden lang.

Ohne ein Hotel zu haben fahren wir einen Tag später in den Luberon. Einmal haben wir Glück. In der alten Hügelstadt Bonnieux finden wir zwei schöne Hotelzimmer. Eine Brass-Band spielt am Dorffest auf. Wir ertränken Bacchus mit Blick auf die hinter dem Schloss des Marquis de Sade untergehende Sonne.

Letzter Tag. Die Ockersteinbrüche von Roussilion sind weltberühmt. Daher kostet das Parken was, das gehen danach natürlich genauso. Rein ging’s noch halbwegs, aber schon um 10 Uhr ist der Ort dichter als eine Feldlatrine: kaum bist du drin willst du nur noch weg. Rauf auf’s Schloss von La Coste. Der jetzige Eigentümer ist Pierre Cardin. Der frühere, Marquis de Sade, wacht eingesperrt in einem Käfig davor.

Ab nach Avignon. Unser Hotel ist erst auffindbar, nachdem wir „41 € Wohnklo“ ins Navi eingegeben haben. Egal, die Altstadt ruft. Papstpalast, überteuert essen, shoppen. Fix und alle. Morgens ins Auto und 1100 km zurückfahren. Auf einem kurzen Stopp in Freiburg gibt’s im Tacheles das beste Essen unserer gesamten Frankreich-Reise.

Leben wie Gott in Frankreich? In der Hochsaison muss man ein Gott sein, um das zu überleben. Schön war’s schon. Vor allem schön anstrengend. Ohne so gemütliche Mitreisende wäre es sicher ein Massaker geworden. Jetzt entspanne ich mich bei der Arbeit und bin reif für eine Reha.


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