Die letzte Reise

1401
2009
Mi
21:47
Tag
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Nach fast einem Monat Suche und einer Woche Bangen um den Mietvertrag kriege ich endlich meine Traumwohnung in einer alten Jugendstil-Villa im Zentrum von Regensburg. Mein eigener Platz. Das Ende von eineinhalb Jahren auf Wanderschaft, der Anfang von neuer Heimat in einer alten Stadt. Ich renn mich fast tot um alles für den Einzug im Februar zu organisieren. Dann gehe ich ein letztes Mal auf Reise.

Die Tour geht über Münchner Wirtshäuser und Zürich zunächst nach Zug in die Schweiz zum Snowboarden. Von dort weiter nach Bern zu alten Freunden in der Nacht. Danach Kitesurfen bei den wilden Pferden in der Französischen Carmargue. Ziel der Reise ist Barcelona um zwei Wochen Spanisch zu lernen und ein letztes Mal World Wide Webdesign zu machen.

Die Tour fängt gut an, wie immer wenn wir beim besten Griechen der Welt starten. Am nächsten Morgen werde ich mit schwerem Kopf früh geweckt. Jeder Münchner will heute wohl in die Schweiz, und alle sehen meine Anzeige auf Mitfahrgelegenheit.de. Zwei nehme ich vom Bahnhof aus mit. Sie erzählen Geschichten, das Reisen ist schön. Mein Navi gibt den Weg an und ich lausche.

In Bregenz meint das Navi, dass die Autobahn direkt nach der Grenze noch mautfrei sei und lotst mich nicht herunter. Der Herr von der ASFINAG korrigiert diese Meinung. Während ich lautstark mein Navi beschimpfe reicht er mir süffisant grinsend ein 120-Euro-Ticket für 10km Österreichische Autobahn. Wertes Becker Traffic Assist: danke für die Assistenz! Direkt nach der Schröpfung kratze ich den Aufkleber „Sponsored by ASFINAG“ von der Rückseite meines Schrott-Navis.

Im fast schon niedlich kleinen Zürich lade ich den ersten Mitfahrer ab und lasse mich ordentlich von der hochgradig chaotischen Straßenführung verwirren. Zwei Passanten entgehen auf einem der 257.315 Züricher Zebrastreifen nur knapp dem durch meine Stoßstange angebotenen Standfestigkeitstest. An der Züricher Radarfalle Nr. 17.345 kosten meine 5 km/h gar nicht so viel. Also gemessen daran, dass die teuerste Geschwindigkeitsüberschreitung der Schweiz beglaubigte 35.000 Euro kostete.

Den zweiten Mitfahrer lade ich am Zuger See ab und fahre weiter zu einer Freundin von der Weltreise. Mit Andrea bin ich in Neuseeland durch die Wälder Lothloriens gewandert. Vor dem Hotel grasen Schafe, und Andrea grinst genau wie vor einem Jahr, als ich in Neuseeland ein Schaf mit bloßen Händen scheren wollte (ich scheiterte…es floh leider in einen Elektrozaun).

Das Hotel Waldheim liegt direkt am Zuger See. Am Eingang prangen 15 Gault Millau Mützen und der Guide Michelin. Ich werd erst mal ganz klein. Wir waren alle Backpacker, das hier ist genau das andere Ende der Fahnenstange, ich hatte keine Ahnung. In ihrem Schloss läd mich Andrea ins schönste Turmzimmer ein.

Das Essen am Abend ist mehr als nobel, es ist hervorragend, der hohe Preis angemessen. Ich trau mich die wunderbaren mit Speisen gemalten Bilder nur nicht fotografieren, würde wohl gegen Schweizer Understatement verstoßen.

Der See liegt im winterlichen Nebel, und ich frag mich mal wieder, wie ich nur all das zurückgeben kann, was mir Menschen auf der Reise gegeben haben.

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Ein Kommentar

  • Carin schreibt am Donnerstag, 15.1.2009 um 19:35 Uhr:

    Hallo, Frank! Den Abend habe ich in der Küche meinen D. Bilderrahmen beobachtet. Ich bin so stolz auf Dich. Du hast unendlich viel geleistet und gemeistert. Toll! Lass Dich auch mal verwöhnen. Du hast es verdient. Viel Spass noch. Würde gerne in der Schweiz leben. Gute Fahrt.

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