Von Mad Max & Megadownwindern

2009
2014
Sa
2:31
Tag
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Meine drei Wochen in Kalpitiya gehen zuende. Es war eine komische Zeit. Viel ist geschehen, aber wenig passiert. Der Wind bockte zum Ende der Saison immer heftiger, völlig überballert bis absaufen im Sekundentakt war der Standard. Das Anlanden war oft schwer, viele Kites gingen innige Beziehungen mit den Bäumen im SriLankaKite ein.

Am vorletzten Tag fahren wir mit drei Booten 25 km weit in die obere Lagune von Puttalam zu Magic Island. Ich mache den ganzen Trip mit den Häuptlingen als Downwinder. Die ersten sechs Kilometer sind dank der hier engen Lagune gemütliches Flachwasser. Ab und zu säuft der Kite ab, auch Frontline-ziehen hilft nicht mehr. Auf dem Seegras im 10cm tiefen Wasser sitzen Flöhe, und die beissen wie Quallen.

Nach fünf Kilometern weitet sich die Lagune, wird tiefer und der Wind frischt auf gute 24 Knoten auf. Bis zum ersten Stop nach 20 km folgt jetzt eine gute Stunde Buckelpiste, 180° downwind über derben Chop. Die Beine brennen schon nach wenigen Minuten, auch switch fahren und heftig Kite-kurbeln hilft nix. Das Rettungsboot fährt vor mir als letztem Kiter nette 1,5 km voraus, was auf einer Lagune von der Fläche des Saarlandes ein wunderbares Gefühl der Sicherheit gibt. Auf einer Sandbank riggen die anderen Kiter auf, ich muss von 13 auf 9m² wechseln. Ab hier sind die restlichen fünf Kilometer bis Magic Island wieder gemütliches Flachwasser.

Der Wind auf Magic Island ist im Vergleich zur Lagune von Kalipitiya viel laminarer. Um ehrlich zu sein gehört Kalpitiya nach gut drei Wochen hier zu meiner Top3 der bockigsten Kite-Spots weltweit: Essaouira, Kalpitiya, Brombachsee. In der Reihenfolge, austeigend. Im spiegelglatten Wasser hinter der Insel hauen die Häuptlinge einen Hammer nach dem anderen raus. Ich bin nach 4,5 h und wenigstens 80 km auf dem Wasser einfach nur platt. Der heftige Seegang auf dem eineinhalbstündigen Rückweg mit dem Motorboot hält mich wach.

Am letzten Tag bockt der Wind nochmals mächtig mit 20 bis 30 Knoten. In den letzten zwei Stunden auf der im Sonnenuntergang glänzenden Lagune geben einige Böen den Afterburner in die Höhen, die niemand durch Technik und Fläche je erreichen würde. Der Wind schreibt Geschichten auf’s Wasser, er spielt jetzt mit mir, nicht mehr ich mit ihm. Neuer Special Move: Jodelair an Sandbanküberflug prä Geiersturzfluglandung im Zielbereich.

In meinen zwei Klosterwochen hier habe ich fast mönchsartig gelebt. Der werte polnische Freund Dominik berichtet stolz von drei Tagen in zwei Wochen, binnen derer er nicht backbords den Säbel schwingend einem neuen Morgen entgegengefeiert hätte. Im letzten Sundowner Kalpitiyas gestehe ich ihm deutlich weniger stolz, dass ich in gleicher Zeit an nur drei Tagen ansatzweise dasselbige vollbracht hätte. Trotzdem sind wir uns mehr begegnet als Menschen, die nicht mal wissen, was ihre Tattoos bedeuten. Manche trifft man irgendwo auf der Welt wieder, ohne ein Wort zu vereinbaren, dort wo der Wind weht und der Sand fliegt. Andere ziehen spurlos vorrüber.

Irgendwann spät nachts flaut dann die stets gleiche Musik ab, die ich irgendwann verlernt habe anders zu hören. Das Tags zuvor durch den Konsum von -„Paranormal Activity- The Marked Ones“ induzierte nächtliche Angstgefühl ob alkoholgeschwängert wahrgenommenen  Geister-Rascheln im dunklen Zimmer entpuppt sich als Frettchen im Kitebag. Alles ist gut. Zeit, weiterzuziehen.

Bisher habe ich von Sri Lanka noch praktisch nichts gesehen, ausser dass es wohl das perfekte Urlaubsziel für Mad Max (not you, MadMax…) wäre. Also gesetzt dem Fall, dass er Urlaub in der Heimat zu schätzen wüsste. Sri Lanka vermittelt mir mit seinen überall brennenden Müllhaufen und dem allgegenwärtigen Dreck eines halben Jahrhunderts Petroindustrie deutlich mehr Endzeitstimmung als Urlaubsfeeling. Für jeden Furz gibt’s fünf Plastiktüten, und sogar die Palmendächer sind mit Nylonschnüren befestigt. Der Sonnenuntergang ist zumeist wunderbar bunt vor Dreck.

Für gewöhnlich lache ich nur über Touristen, wenn sie ihr Traumziel mit einem schlichten „Pfui, wie schmutzig!“ entehren. Ich frage mich, wie es in Deutschland aussehen würde, wenn alle Saubermänner ihren Mist selber verbrennen müssten, weil es keine Müllabfuhr gibt. Oder auch, ob ihnen die Umwelt noch irgendwas bedeuten würde, wenn sie nicht wissen würden, was ihre Kinder morgen essen sollen. Oder ob sie auch gegen Stromleitungen wären, wären sie wirklich für irgendwas. Auf keiner meiner Reisen zuvor hatte ich je das Gefühl, als wäre die Welt einer ganzen Nation vollkommen egal. Vielleicht ist das einfach der Nachteil jenseitig ausgerichteter Religionen…

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