Paracas: Kiten mit Flamingos

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2017
Mi
18:25
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Mad Max wurde definitiv vor gut 30 Jahren auf der Panamericana südlich von Lima geboren. Vier dachlose Wände im Nirgendwo verkündigen stolz die Möglichkeit, selbige als Restaurant zu mieten. Vereinzelt stehen verlassene Häuser auf Sand. Hohe Mauern drumherum sichern das Nichts gegen das Nirgendwo. 20 Eisbuden boten einstmals „Helado Artesanal“. Dazwischen brennen immer wieder Müllhalden.

Ein großes Display ruft die goldene Zukunft für deine Familie in einer Urbanización irgendwo im Nirgendwo aus. Das Baugebiet wurde vor Jahren aufgegeben. Sanddünen, Staub, etwas Petrochemie, ein Stahlwerk, hunderte von Trucks mit Altmetall und unglaubliche Armut. Das hier ist die trostloseste Gegen, die ich je durchreiste.

Der schlimmste Infekt seit zehn Jahren Reisen klebt mich ein paar Tage ins Bett. Fieber, Kopfweh, Gelenkschmerzen, eine heftige Lungenentzündung und Magenkrämpfe diliren mich durch zwei Nächte. Die ersten Pillen bringen rein gar nichts. Am dritten Tag besorg ich mir im Tante Emma Laden meines Vertrauens rezeptfrei starken Hustenstiller und Amoxizillin – das wirkt dann endlich, wenn auch nur langsam.

Paracas ist ein schönes kleines Dorf, in dem die Fischer noch fischen und der Tourismus noch nicht alles geplättet hat. Das Kokopelli Hostel liegt direkt am Strand. Auf den drei Kilometern zum im Luv liegenden Kitespot liegen einige wunderschöne Strandvillen: jede anders, manche groß, manche klein, und alle stilvoll interessant. Laut einem TukTuk Fahrer gehören sie den Reichen des im vier Stunden nördlich gelegenen Lima und sind maximal drei Monate im Jahr bewohnt. Die Liegestühle davor sind nicht gesichert, die Mauern ohne Stacheldraht. „Hier kommt nix weg.“, versichert mir der TukTuk Fahrer.

Triathleten joggen an der Strandpromenade vorbei. Im Flachwasser der Bucht zum Eingang des Nationalparks fischen Flamingos. Die Sonne geht unter. Strom und Internet fallen einen ganzen Tag aus. An Arbeiten ist kaum zu denken, und Geld abzuheben dauert auch einige Tage. Jeder Bankomat nimmt 5 € Gebühren für maximal umgerechnet 100 abhebbare Euro.

Kitespot Paracas Am ersten Tag mit etwas weniger Husten bin ich sofort wieder am Kite Beach. Der liegt direkt vor dem Naturschutzgebiet am Ende der Bucht von Paracas. Unmengen an Seevögeln fliegen beim ersten Kitestart ab. Die Flamingos stört der Kite überhaupt nicht.

In der flachen Bucht von Paracas ist das Wasser nur wenig wärmer als Kapstadt. Die Temperatur schwankt je nachdem wie Humboldt gerade strömt zwischen kühl und saukalt. Boardshort mit Husten sind grenzwertig. Am zweiten Tag bin ich mit meiner einzigen anderen Option draußen, dem Trockenanzug. Damit läufts.

Jeden Mittag dreht der Wind von Nord auf Süd und nimmt an Stärke zu. Am ersten Tag blasen gemütliche 18 Knoten über das Flachwasser – es können aber auch durchaus mal bis zu 30 Knoten werden. Standard liegt in der Haupt-Windsaison von November bis Februar bei ca. 18 bis 25 Knoten. Die Windwahrscheinlichkeit > 15 Knoten liegt in dieser Zeit bei ca. 90%.

Der Kitebeach befindet sich ca. drei Kilometer ausserhalb Paracas, zwischen dem Hilton Hotel und dem Nationalpark. Mit dem Compartido (Minivan, ca. alle 15 Minuten, 0,50 €), TukTuk (1,50€) oder Taxi (2,50 €) ist man schnell da. In der Kangaroo Kite Station sind gute Leute. Kompressor und Beach kosten 2,50 € am Tag. Material gibts auch zu leihen, Schulung sowieso. Unterkunft direkt am Spot ist teuer, Touren zu zahlreichen Wavespots oder Flachwasserspots (Laguna Grande: 35 $) der Gegend auch nicht ohne.

Paracas bedeutet „Sandregen“ auf Quechua. Die ältesten Siedlungen der Region sind über 9.000 Jahre alt – und damit leicht 7.500 älter als die ersten Incas. Im nahen Nationalpark gibt es eine uralte Nekropole mit Mumien, eine Saline und noch einiges weiteres an Interessantem. Unser Michael-Jackson-für-arme-Führer bringt uns jedoch nur vier Stunden lang in einer einzigen Geisterbahnfahrt für Reisezombies von einem Selfi-Stick-Schwingenden Pulk voller Terrouristen zum nächsten. Komplett für’n Arsch ist noch zu freundlich.

Der zweistündige Bootstrip raus zu den Ballestas Inseln ist dagegen richtig gut. Für alle indigenen Kulturen Südamerikas war Guano schon immer der beste Dünger – und in zahlreichen Dschungel-Regionen mit ihren nährstoffarmen Böden so wichtig, daß die Stämme zum Gewinn wochenlange Expeditionen vom Hochland zum Pazifik auf sich nahmen. Doch erst Humboldts chemische Vogelkacke-Analysen und anschließenden Lobpreisungen als „bester Dünger der Welt“ führten dazu, daß Scheiße zu Gold wurde. Zeitweise war Guano sogar deutlich mehr wert als Gold, um genau zu sein. Die vermutlich einstmals über 50 m dicke Guano Schicht auf den Ballestas Inseln wurde verständlicherweise  recht schnell abgebaut.

Auch heute noch brüten im Naturschutzgebiet der Ballestas Inseln Millionen von Chile-Pelikanen, Inka-Seeschwalben, Kormoranen und andere Seevögeln. Auf die Boote regnet es Guano. Der Geruch ist umwerfend. Zumindest dieses eine mal haben die Chinesen mit ihren Marsmensch-Vollvermummungen einen strategischen Vorteil. Ihre in der Regel über 40 cm langen Teleobjektive weniger.

Auf den Felsen sonnen sich zahlreiche bis zu 300 kg schwere Seelöwen. Der Humboldstrom bringt kaltes Wasser. Phytoplankton kommt dadurch weiter nach oben, bekommt mehr Licht und die komplette Nahrungskette explodiert. Ausser in El Niño Jahren. Da steigt die Wassertemperatur um über fünf Grad an – alles bricht zusammen – und eine komplette Generation Seelöwen und Vögel stirbt.

Seit einiger Zeit reise ich wieder wie El Niño. Wo ich hinkomme stirbt jedes Gespräch sehr schnell. Ich fange nur sehr wenige an. Die große Erkenntnis aus „Into The Wild“ hab ich verstanden. Aber ich scheitere immer wieder an der Umsetzung. Ohne Geschichten zu teilen ist alles Reisen sinnlos. Ich stürze mich in hunderte Seiten Fachliteratur. Finde Erklärungen, aber keine Lösung…

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