Marsa Alam

0605
2017
Sa
16:32
Tag
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Marsa Alam begrüsst uns mit den kernigsten drei Windtagen aller meiner 15 Jahre in Ägypten. Von früh morgens bis zum späten Nachmittag bläst der Wind mit 18 bis 32 Knoten über türkisblaues Wasser. Ich bin in drei Tagen länger auf dem Wasser als in einem halben Monat in Südafrika. Wir kiten bis der Arzt kommt. In Florians Fall als erstem wortwörtlich.

Bei Ebbe – und die ist hier recht unabhängig von den Mondphasen – bleiben zwischen 50 m nur 10 cm tiefem Wasser am Strand und nochmal 150 m Sandbank vor dem Saumriff gerade mal 200 mal 400 m zum sicheren kiten. Bei 20 Fahrern ist der Spot dicht. Flo weicht bei sehr niedriger Ebbe einem Anfänger zu weit über die reichlich Stein-garnierte „Sand“bank aus und stürzt.

Tiefe Schnitte in der Hand, einige weitere Schürfwunden über den ganzen Körper verteilt, eine geprellte Ferse plus eine gesalzene Arztrechnung sind die Folgen. Bei tiefer Ebbe ist der Spot vor dem Magic Tulip Beach praktisch inexistent. Halbwegs sicher und groß ist er nur bei Flut. Bei allen anderen Tiden bietet jeder mir bekannte Spot in Hurghada mehr Platz und Sicherheit. Die Kitestationschefs helfen auch hier verletzten – woanders spart man sich nur das „… und dann heissts wieder unser Spot wäre nicht sicher.“ Ist er nun mal nur bei Flut.

Der Rest ist wie Ägypten seit gefühlten tausenden von Jahren ist. Die Russen lieben es. Es ist wie daheim. Alles ist kaputt, lieblos und billig. Auch der omnipräsente Marmor auf jedem Klo ändert daran nichts. Manchmal hats für diese Jahreszeit ungewöhnliche 37° und satte 75% Luftfeuchtigkeit. Unsere Klimaanlage funktioniert auch nach fünf Beschwerden und zwei Reperaturen nicht. Nach dem zweiten mal funktioniert sie, aber wir scheitern daran ihr beizubringen, daß es zwischen Sibirien und Syrien wenigstens noch zwei weitere Klimazonen gibt. Nach zehn Tagen bekommen wir ein neues Zimmer.

Manches ist unerklärlich und exorbitant teuer. Tauchen und alle Touren kosten mangels Konkurrenz hier in der Mitte zwischen Nichts und Nirgendwo zwei- bis viermal soviel wie in Hurghada. Delfine jagen gehört sich ohnehin verboten. Ich beschränke mich auf das Studium krebsroter Seekühe, die sich im Gras zu Yoga wälzend um zwei Uhr Nachmittag den offensichtlich nicht ersten Cocktail des Tages reinpfeiffen. Trinken ist wichtig bei bis zu 35 Grad. Im fünf-Minutentakt bietet man am Pool Maniküre, Quadfahren, Massagen und zahlreiche weitere Sachen an. Ein simples „nein danke“ wird nie akzeptiert. Alle anderen Angestellten außer den Drückern sind super freundlich und zuvorkommend.

Das nächste Dorf ist das 50 km entfernte Marsa Alam mit seinen 7.000 Einwohnern. Wir bekommen hier das beste Essen binnen zwei Wochen: ägyptisch, einfach und gut. Auf der Fahrt durch das Nirgendwo schlagen spärlich bewohnte oder niemals fertiggestellte Hotelkomplexe im Abstand von einigen Kilometern einen eigenartigen Rhythmus. Tanklaster voller entsalztem Meerwasser versorgen den unstillbaren Durst ihrer Luxusinsassen. Keine Stromleitung verhängt den Sternenhimmel. Alle Resorts im Nichts werden von eigenen Dieselgeneratoren versorgt.

Meine Kommunikation mit anderen Luxus-Internierten ausserhalb unserer guten Österreichisch-Bayerischen Kitergruppe beschränkt sich in den folgenden neun Tagen Flaute auf ein dank der schalldämmenden Wirkung dreier Cremetortenstücke überhörtes leise gesäuseltes „Aber bitte mit Sahne“ an den Vorsteher in der Schlange am Buffet. Essen ist wichtig.

Alle Wege im Resort winden sich maximal künstlerisch und minimal zielführend zwischen den Hotspots des All Inclusive Lebens. Auf diesen Wegen verhungern anscheinend ob der nur drei mal täglich kredenzten Mahlzeiten regelmäßig Insassen – zumindest lassen das die Geschirrtüme vor den einzelnen Zellenblöcken vermuten. Da in Disneyland alle Blöcke gleich ausschauen sind die Geschirrtürme essentiell wichtige Orientierungspunkte. Ohne sie versuche ich ständig falsche Türen aufzusperren.

Ägypten hat eine abwechslungsreiche hervorragende Küche. Leider gibts davon praktisch nichts in unserem Luxuslager. Jeder deutsche Discounter bietet die doppelte Auswahl an Grundzutaten. Maximale Kombinationswut und wirklich schöne Deko können nicht darüber hinwegtäuschen, daß alles uninspiriert und gleich schmeckt. Die Schilder „Italian Night“, „French Night“ oder die volle Breitseite in der „International Night“ ändern daran auch nichts. Ich würde lieber jede Nacht echte einfache Ägyptische Küche genießen, als jeden Abend anderen pseudoinspirierten Bockmist – stimme da aber wohl leider nicht mit der Definition von Luxus der übrigen anwesenden Genpool-Reste überein.

Der Alleinunterhalter mit seinem horvorragenden Repertoir der schnulzigsten 30 Kamellen der Musikgeschichte macht seinem Namen alle Ehre. Spätestens bei der dritten Programmwiederholung am vierten Tag klatscht nur noch einer. Ab zehn Uhr stürzt sich dann die trunkene Horde übergewichtiger Mittfünfziger mit Musikwünschen auf den jetzt zum DJ konvertierten. Nun wird er allein unterhalten.

Am sechsten Tag der Flaute macht sich langsam Frust in unserer Kitergruppe breit. Wenigstens zwei Kiter haben die Flaute perfekt erwischt. 130 € Boardbag, 30 € für 20 km Boardbag im Bus plus 55 € an die Kitestation summieren sich dann doch zu mehr als nichts für sieben Tage Flaute im Nirgendwo. „Ich hatte ja wenigstens drei gute Tage, ist kein Beinbruch.“, denke ich mir gerade beim Beach Volleyball, als ich blöd aufkomme und mit einem lauten Knacken umbreche. Abends humpel ich noch zur Tränke. Am Morgen darauf geht gar nichts mehr.

Das einzige Krankenhaus mit Röntgen befindet sich im 15 km entfernten Port Ghalib. Für zehn Minuten Untersuchung, einmal Röntgen und zehn Minuten basteln einer überflüssigen Gipsschiene verlangen sie astronomische 520 Euro. Ich gebe eine schöne laute Szene vor anderen Abzock-Opfern in der Empfangshalle zum besten und reisse effektvoll die Gipsschiene vom Bein. Der Lohn sind 200 Euro Rabatt. Auf einmal steht der oberste Rezeptionist vom Magic Tulip im Krankenhaus vor mir. Ich weise ihn darauf hin, daß sein Bakshish am Empfang zur Abholung bereitsteht. Er braucht das sicher mit seinem Gehalt, das deutlich über dem Ägyptischen Durschnittseinkommen von 250 € liegen dürfte. Auch in Hurghada gibt es böse Ärzte. Wenn man an einen solchen gerät – und sich hoffentlich vorher nach den Kosten erkundigt hat – hat man freie Auswahl aus 100 anderen korrekt abrechnenden. In Marsa Alam hat man keine Wahl.

In den letzten drei Tagen kommt der Wind zurück. Flo ist praktisch nonstop auf dem Wasser und lässt das Mittagessen aus. Ich bin meist schon nach drei Stunden Farewell-Kiten mit meinem geliebten Maori 13 gut bedient in 15 bis 22 Knoten. Am vorletzten Tag reisst mir bei einem Sprung die Centerline – zum Glück mit keinen Folgen außer der Erkenntnis daß es hier keine passenden Ersatzteile gibt.

Das Kiten in der Wärme mit guten neuen Freunden war wieder wunderbar, wenngleich der Spot vor dem Magic Tulip Beach in Marsa Alam weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Gute 16 Stunden auf dem Wasser reichen erst mal wieder – bei Flo waren es binnen größtenteils sechs Windtagen in zwei Wochen vermutlich doppelt soviele. Was mir bleibt ist die Erkenntnis, dass mein erster All Inclusive Urlaub seit 25 Jahren leider so war wie ich All Inclusive in Erinnerung hatte: Überfluss, Übergewicht, Blindheit und Verschwendungssucht wohin man schaut. Klar, viele Menschen wollen genau so Urlaub machen. Ich kann dazu nur Sepultura am Pool hören.

Für mich war das schönste hier ein gefühltes Jahr Schlaf nachzuholen, jeden Tag wenigstens zehn Stunden. Ich werde wieder reisen, mit wenig Gepäck und luxusbefreit, über beschwerliche und überraschende Wege, weit weg von traurigen Menschen ohne Geschichten. Wahhaftig und mit offenen Augen die Dinge bei ihrem wahren Namen nennen. Patagonia, here I come…

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