Lagoinha & Paracuru

0511
2013
Di
22:36
Tag
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Nach fünf Wochen der langen Aufenthalte ändert sich jetzt die Reisegeschwindigkeit. Mit dem englischen Holländer Ian geht es drei Wochen lang ab Fortaleza mit dem Auto bis in den wilden Westen Brasiliens. Ab sofort reiten wir jeden Tag andere Kite-Spots ab. Unser erster Stop ist Lagoinha, eine gute Stunde westlich Cumbuco.

Der Aufkleber auf der Windschutzscheibe verbietet das fahren auf ungeteerten Strassen. Von Stränden steht da nichts. Also fahren wir am nächsten morgen mit guten Leuten aus der Heimat ein paar Kilometer downwind zur Lagune. Selbige ist nicht viel grösser als der Tabuba-Tümpel vor Cumbuco, aber liegt eingerahmt von Palmen und Dünen wie eine Oase hinter dem Strand. Der Wind ist zu gut, keiner hat Zeit für Fotos oder Filme.

Im niedrigen klaren Wasser ziehen ein paar Kiter ihre Bahnen. Mittags wird’s mit maximal zehn Kiter etwas eng, aber alles immernoch gemütlich. Die Hangtime erhängt sich am Sekundenzeiger, und dank Flachwasser und starkem Wind gelingen auch die Landungen meistens. Nachmittags fahren wir zurück nach Lagoinha, tanken am Kitepoint-Restaurant und gehen dann nochmal direkt in der Bucht raus. Die sauber brechenden Wellen ziehen einige Surfer an. Dazwischen springen wir in knappen 20 Knoten mit 12 und 13m². Motto des Tages: „Control is nothing without power“. Ich ehre Sprünge über fünf Meter mit majestätischen Arschbomben. An anderen Orten killen Surfer Kiter wegen Strandbegehnung. Hier habe ich einen Crash, direkt vor einem Surfer, der gerade eine große Welle abreitet. Ich entschuldige mich, er weicht aus: „De nada!“.  Sehr friedlicher Ort.

Am nächsten Tag fahren wir 45km zurück nach Paracuru. Die erste Polizeikontrolle ist spassig. Nachdem wir dem ersten Paramilitarier die Abwesenheit aller nicht wasserfesten Papiere gestehen, ruft er einen zweiten mit Finger am Abzug. Dieser ordnet Weiterfahrt an. Nur Menschen mit Ausweis oder Führerschein scheinen verdächtig zu sein. Die zweite Kontrolle ist deutlich strenger. Man sucht verzweifelt nach der Waffe des Polizisten, der vor einigen Tagen den lokalen Drogendealer von Cumbuco achtfach erschoss. Freuden gibt man ein Küsschen, und Polizisten suchen nach Polizistenwaffen so intensiv wie eine muslimische Jungfrau nach notgeilen Indern. Weiterfahren!

Am entlegenen Strand von Quebramar brechen hohe Wellen wunderbar sauber über ein nicht allzu niedriges Riff. Davor cruisen bei Ebbe bis zu 50 Kiter im mit einigen gefährlichen Felsen durchsetzten Flachwasser. Platz ist anders, doch Ian in seiner Funktion als freiwilliger Bewohner desjenigen europäischen Landes mit der höchsten Bevölkerungsdichte beschwert sich über Platzmangel und einen Kite-Abschuss. Ich fliehe auf’s offene Meer. Mitten unter ihnen, 300 m vom Ufer entfernt sehen die Wellen auf einmal ganz anders aus.

Bis zu 2,5 m wirken auf mich bayerischen Flachwasserkiter mehr als nur bedrohlich. Aber ich komme durch den herben Break. Immer wieder, mal mit Schleuder-Waschgang, mal von Monstern weit senkrecht nach oben geschleudert – ohne jeglichen Kite- oder Kanteneinsatz. Bei einigen Wellen hilft nur noch umdrehen – ganz schnell umdrehen. Das Weisse über deinem Kopf verändert das Hören. Mein Tinnitus stirbt im Rauschen der Brecher hinter mir und macht dann dem Zischen des Fahrtwindes bei der rasanten Fahrt bergab Richtung Flachwasser Platz. Sekunden dehnen sich im Blau des Ozeans zu endlosen friedlichen Weiten. Ich habe Wellen nie gemocht. Dieser Tag war eine religiöse Erleuchtung.

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