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Ganz still am Königsplatz

Ich fahr mit Dave nochmal nach Castelldefels. Der Weg dorthin ist immernoch ein Schlachtfeld gezeichnet vom stärksten Sturm aller Zeiten. Am Strand scheint die Sonne auf 8 Grad kaltes Wasser, die Luft hat auch kaum mehr. Ich hab mir eine heftige Erkältung eingefangen und sehe ein: auf meiner letzten Reise bleibt mein Kite im Sack.

Tags darauf schickt Susi aus Kaufbeuren die Email der holden Helga, einer Mitstudentin aus alten Zeiten. Einen Tag später sitzen wir in einer richtig urigen Tapas Bar in Barceloneta. Ich hasse Meeresfrüchte. Hier schmecken selbst Gamba-Köpfe famos. Danach geht’s weiter ins Barrio Gotico in eine Bar, die ich gern zu meiner Stammkneipe auserküren würde, wären das nicht die letzten Tage einer langen Reise.

Durch die saubere alkoholische Desinfektion (und einen ausgelassenen Tag Spanischunterricht) bin ich schon am nächsten Tag wieder einsatzbereit. Helga empfiehlt ein Konzert im Sidecar am Plaza Real. Wer spielte weiß ich nicht mehr, aber ist auch egal, war depressiv-langweilig. Mit der Büchse Bier eines Straßenhändlers setz ich mich auf den Plaza und schau meiner kleinen großen Geschichte zu.

Der Plaza Real ist quadratisch korrekt klassizistisch glatt symmetrisch bebaut. Die großen Palmen in der Mitte stehen vollkommen abseits jeden Rasters. Nicht nur die, auch die alten Gaslaternen stehen, als ob gerade an diese ihre Plätze irgendwann mal rein zufällig eine Glühbirne gefallen und im richtigen Moment mit ausreichend Wasser gesegnet worden wäre.

Dazwischen steht ein Bus der Guardia Urbana. Nahe der Straßendealer inspizieren sie gelegentlich liebenswert halbherzig jede Mülltonne. Im Angesicht der Geschichte soll nicht gedealt werden. Gegen die Penner in allen Ecken haben sie nichts. Alles ist wie wohl schon seit Jahrhunderten, und die Konsistenz beeindruckt mich.

Die leichten Dämlichkeiten verrichten ihr Geschäft direkt unter den Augen der Ordnungshüter. Aber nicht ungeordnet. Folgen sie nur kurz einem potentiellen Freier aus dem Schatten der umgebenden Gassen ins Licht des Plaza Real, geht sofort die Tür des Guardia-Urbana-Busses auf. Noch bevor ein Ordnungshüter das zweite Bein auf den Platz setzt, verschwinden die meist dunkelhäutigen wieder in der Dunkelheit.

Viele Touris laufen rum, aber sie passen irgendwie hierher, zwischen all die schrägen bunten Barcelonesen. Ein schwarz gekleideter Ami mit roter Tasche pisst an einen einstmals weißen Bauzaun. Ein pinker Japaner rennt gegen eine graue Laterne weil das Objektiv seiner Kamera ihm die Sicht versperrt. Der rote König ist schon lange weg, aber hofiert wird er noch immer. Es riecht nach grünem Moder und grauem Kalk. Wir gehen in die blaue Auberge Espagnol und beenden meinen 600. Tag auf Reise ganz still und unbemerkt mit einer guten Nacht-Geschichte.

Fotos gibts heut keine. Worte sind Farben, Sätze sind Bilder.



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