Unendlichkite @ Beauduc

2509
2018
Di
21:23
Tag
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Über kurvige Nebenstraßen geht es durch die letzten Ausläufer der französischen Alpen hinunter ins Rhônetal. Hier liegt die Wiege des Mistrals, einem der mächtigsten Windsysteme Europas. Zuerst zittern die Weinberge. Schlösser, Aquädukte und Mittelalterliche Dörfer ziehen an Achterbahnen vorbei. Dann wiegen sich die Pappeln. Das Land wird immer flacher. Aus Bergen werden Hügel.

Ab Arles geht das Land über 50 Kilometer so fließend wie nirgendwo anders auf der Welt in Wasser über. Die Abstände der Dörfer vergrößern sich zwischen im starken Wind wogenden letzten Baumreihen. Gähnende Stiere und äsende Schimmel auf den letzten festen Wiesen vor dem Meer. Dann schleicht sich ganz langsam das Wasser über Kanäle zwischen Binsen ins Land.

Die letzten 15 Kilometer von Salin de Giraud bis zum Strand von Beauduc sind reine Magie. Aus dem Schotter kriecht der Staub überall ins Auto und heisst dich auf eine neues willkommen. Die Schlaglöcher schütteln das Board gegen das Fenster, und dahinter filtern Flamingos das Wasser der Salinien. Das Land verliert langsam gegen das Wasser. Bis der Weg letztendlich nur noch ein Damm zwischen Wassern ist.

Das letzte Tor vor dem Beauduc sollte früher breite Busse stoppen, kann jetzt aber anscheinend immer umfahren werden, da nun der Strand endgültig für Campen und Fahrzeuge gesperrt ist. Auf dem Parkplatz direkt dahinter stehen heute locker 100 breite Busse und auch einige Zelte.

Der Strand von Beauduc ist eine sichelförmige Bucht nahe der Mündung der Rhône. Über seine sieben Kilometer feinen Sand am Ende der Welt pfiff mir der Mistral in den letzten 15 Jahren schon einige Male heftig sideshore. Beim ersten Besuch saßen wir eine große Sturmfront vom Meer heraufziehen betrachtend mit den genialen Österreicher Kite Brothers in unserem Zeltlager am Strand. In der Nacht zerfetzte der Sturm alle Zelte bis auf unseres. Am Morgen danach kamen die wilden Schimmel der Carmargue zu Besuch und leckten das Salz von den Resten unserer Zelte.

Campen darf man nun endgültig nicht mehr. Es ist gut so. Früher sah man den Strand vor lauter Fahrzeugen nicht. Dort campen war wirklich etwas härter, denn es gab rein nichts ausser Unendlichkeit: keinen Schatten, kein Klo, keinen Handy-Empfang, kein Essen und kein Trinken. Selbst im 15 Kilometer Buckelpiste / 20 – 45 Minuten (je nach Vertrauen in deine Stoßdämpfer) entfernten Salin de Giraud gab es nur einen kleinen Tante Emma Laden. Heute ist das Salzarbeiter-Dorf aus seinem Jahrzehntelangen Winterschlaf erwacht. Ein Supermarkt, ein paar Restaurants und endlich auch ein Campingplatz begrüßen mich nach langer Anfahrt.

Am ersten Tag wehen unendlich laminare 13 Knoten sideon vom Meer. Mehr als 100 Kiter zaubern das Gefühl von Weihnachtsbaum in meinem Bauch. Ich weiss, daß der Wind nicht reicht – aber muss dem Beauduc trotzdem „hallo“ sagen. Am späten Nachmittag laufe ich etliche Male nach ein paar Lines in milden Wellen die Höhe am Strand zurück.

Alle französischen Radiosender warnen seit Tagen vor dem kommenden Sturm. Ich baue mein Zelt am Campingplatz auf und schaue der Sonne beim golden hinter den letzten Salinen versinken zu. In der Nacht weckt mich das Zelt mit Knattern. Bei meinem zweiten Besuch  vor ein paar Jahren fraß ein Oktobersturm  mein altes Zelt. Eines reicht. In immer stärker werdendem Wind baue ich das Zelt mitten in der Nacht ab und schlafe im Auto.

Der Morgen heisst meine Entscheidung gut. Salzflocken fliegen über die Dämme zwischen den Salinen. Die Bäume biegen sich. Einige Ornithologen lehnen sich gegen Urgewalten, und selbst die Meeresvögel scheinen heute lieber am Boden zu bleiben. Alle Vorhersagen sprachen schon seit zehn Tagen von diesem Sturm. Sie behalten recht.

Der Beauduc ist heute komplett leer. Erst nachdem der erste Hardcore Kiter bei guten 37 Knoten seinen Kite selbst startet erachten auch ein paar andere den Wind als potentiell nicht tödlich. Mehr als 15 Kiter sind heute in permanent 30 bis 45 Knoten trotzdem nie draußen. Der Sand strahlt meine zitternden Beine. Ich brauche einige Angstaretten, bevor ich mich in nun 35 Knoten traue meinen 7er aufzubauen.

Die erste Stunde in bis zu eineinhalb Meter Welle sind ein einziger Ganzkörperkrampf zwischen Wasser-Freaks, die sich für Vögel halten. Sie schwirren in über zehn Metern Höhe loopend durch die Luft – während ich einfach nur damit beschäftigt bin, nach 20 Jahren Kiten nicht vom Board zu fallen. Es gelingt.

Dann entkrampft sich der Körper, und die Unendlichkite des Beauduc zieht wie blaue Magie herauf. Mitten im Sturm werde ich ganz ruhig. Der Tinnitus schmilzt im weissen Rauschen der Wellen. Die Böen werden immer kleiner und der Wind bläst jetzt fast schon laminar mit 32 bis 42 Knoten. Viel Sicherheit bietet die voll gezogene Depower nicht mehr. Aber der Wind ist tatsächlich reitbar, wengleich einige Kites um mich herum zerfetzt im Wasser landen.

Ich beginne zu fliegen. Genau sideshore über die Wellenkämme kachelnd hat der Wind die perfekte Richtung für Raketenstarts. Ganz vorsichtig und langsam fahre ich eine an. Mit meinem Plan für einen kleinen Hüpfer ist sie nicht wirklich einverstanden. Es geht direkt in den Himmel, dann lupft mich eine Böe nochmals deutlich über fünf Meter nach oben. Nach 25 Metern Leeversatz folgt die Landung. Sie werden heute alle und ausnahmslos Einschläge. Ich fliege trotzdem, immerwieder.

Als der Sturm auf gut 45 Knoten Spitze auffrischt wird es Zeit an Land zu gehen. Mein absolutes Limit ist erreicht. Ich schaue auf die Uhr und stelle überrascht fest, daß ich wohl fast vier Stunden lang einen der heftigsten Winde meines Lebens geritten habe. Das Grinsen zwischen den Einschlägen und das Schreien hoch über den Wellen war die Unendlichkite des Beauduc.

Auf den insgesamt 10.000 Kilometern Kite Roadtrip um die Iberische Halbinsel ist der Beauduc mein letzter Stop. Ich könnte mir keinen besseren vorstellen. Oft war ich enttäuscht, denn 10.000 Kilometer sind für gerade mal 12 Kite-Tage wirklich sehr viel. Doch würde heute Nacht unter dem Sternenhimmel eine Stimme aus dem Dunkel zu mir sprechen: „Du musst 10.000 Kilometer fahren um nochmals solch einen Tag zu erleben!“, dann hätte ich nur eine Frage: „Wann geht’s los?“.

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