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Ende einer 4.000 km Kitereise

Mein viertel Jahr in Brasilien geht zu Ende. Es war die eigenartigste aller meiner Reisen. Reisen bedeutet im Gegensatz zu Urlaub: in der Fremde Heimat finden. Wenn ich reiste, dann fühlte ich mich oft und an vielen Plätzen schnell zuhause. Brasilien war anders. Ich könnte behaupten: Der Wind hat mich einfach zu schnell weitergeblasen. Aber das stimmte immer nur auf dem Wasser. An Land war ich länger an jedem Ort als auf allen anderen meiner Reisen.

Trotzdem fühlte ich mich an wenigen Orten zuhause. Vielleicht hat selbst der Ballermann oft weniger Deutsche. Vielleicht haben Kiter nicht mehr wirklich einen gemeinsamen Spirt. Vielleicht war meine Maracuja-Caipi-Liebesbeziehung zu heftig. Vielleicht war das Internet fast immer zu schlecht um zu arbeiten. Vielleicht bekam ich nach einem harten Jahr auch einfach die Augen nicht mehr weit genug auf.

Ich habe eine neue Sprache gelernt. Das erste Mal seit vielen Jahren besuchte ich ein Land, in dem ich anfangs nur mit Händen und Füssen kommunizieren konnte. Das lernen war hart und lohnend. Kein Wissen ist wertvoller als in eine Sprache einzutauchen.

Ich suchte den Wind. Nichts ist einfacher, als den Wind an der Nordküste Brasiliens zu finden. Er bläst immer und überall. Weiter große Aufgaben fehlten. Kein Wandern. Kein Schwimmen. Kein Radfahren. Nur Kiten. Fast jeden Tag. Bis du Abends „Aua“ schreist, weil Du beim Heimweg vom letzten Spot mal wieder auf eine Hand getreten bist.

Im Schnitt trank ich jeden Tag einen Liter Zuckerwasser, habe gut gegessen und viel gefeiert. Aber selbst das reichte nicht aus, die verbrannten Kalorien zu ersetzen. Ich bin keiner der Fetischisten, die sich einen GPS-Tracker in ihren Hintern schieben, um dann Abends in einem GoPro Video aus ziebzehn Perspektiven ihre eigene Unfähigkeit in Echtzeit auf einer interaktiven Google Map zu verfolgen. Also bleibt nur rechnen: 77 Tage zu 2,5h bei niedrig angesetzten durchschnittlich 20km/h kiten. Das macht knappe 4.000 km gekitete Strecke und ca. 15.000 Sprünge. Könnten auch +50% gewesen sein. Gestern sagte ich grade noch sowas wie „Boah, 400 km Downwinder wär mir viel zu weit.“. Heute hock ich überrascht vor dem Rechner, bin stolz und fertig.

Meine beiden Crossbows haben alles mitgemacht, nur ein Depowertampen riss. Mein Board wurde einzig durch Missbrauch als Dachgepäckträger auf 170 km mit dem Beachbuggy geschändet. Das Trapez starb exakt beim allerletzten Ausritt. Ich hatte keinen einzigen wirklich schlimmen Sturz, nur ein paar Medium mit „Luftweg“ und „Rippen aua“. Mein Knie ist bleich von der Schiene und trotzdem ziemlich hinüber. Der Rücken kündigt seit Wochen einen drohenden Lumbago an, aber die Körperspannung ist wohl noch zu hoch dafür. Die Tennisarme sind zu verkraften.

Die Reise war selten einfach, oft eine Herausfoderung und stets lohnend. Ich danke allen lieben Menschen, die mir die Reise zu etwas besonderem gemacht haben und freue mich auf meine neue alte Heimat und die guten Freunde dort.

Was war? Alles was wertvoll ist.
Was bleibt? Alles woran ich mich erinnere.
Was sein wird? Alles was neu ist.



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1 Kommentar zu “ Ende einer 4.000 km Kitereise ”

Genialer Beitrag, genau wie du hatte ich gerade bei meinem ersten Besuch in Brasilien Probleme mit der Kommunikation. Mittlerweile spreche ich fließend Spanisch und glücklicherweise half das bei meinem zweiten Besuch fast so gut wie Portugiesisch.

Vor allem finde ich deine Einstellung stark, dass du ausdrücklich sagst, dass es dir ums Kiten geht bis es weh tut. Die Einstellung kann ich gut nachvollziehen und das ist bei mir genauso.

Und Glück hast du ja mit deinem Trapez gehabt :) Außerdem freut es mich zu hören, dass deine Reise anscheinend einen positiven Eindruck hinterlassen hat. Das ist doch optimal!

Kommentar von Wave Gorilla am 29.1.2014

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