Embalse Puclaro & Vicuña

1912
2017
Di
11:16
Tag
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Das nächste Ziel liegt gut 1.400 km und fast 24 h Nachtbus südlich der Atacama Wüste. Im kühlen La Serena am Pazifik hängen die Nebelschwaden tiefer als unter der Golden Gate in San Francisco. Dahinter steigt das trocken-heisse Valle de Elqui bis zur Argentinischen Grenze auf fast 4.800 m an. Beides zusammen ergibt den Raketenmotor für Chiles Starkwindspot Nummer Eins.

Der Embalse Puclaro ist ein kleiner Stausee im weinberankten Tal 50 km hinter La Serena. Der Wind is thermisch und weht an gigantischen 300 Nachmittagen im Jahr mit im Schnitt 25 bis 30 Knoten. Hidden Lines war hier zu Gast. Vicuña ist das nahe 2.500 Einwohner zählende quirlige letzte Zentrum vor der 170 km entfernten Argentinischen Grenze.

Direkt am Spot gibt es nur ein Hotel für 70 € die Nacht. Nach gut 9.000 km in Bussen brauche ich zum ersten Mal einen Mietwagen. Ich genieße ihn maßlos – frei von Metzel-Movies, aber mit eigener Musik und zwecklosen Stopps im Nirgendwo – einfach weil ich kann. Viele Menschen sterben auf den Straßen des Valle de Elqui. Die Bewohner bauen den meist jungen und reichlich vokuhilösen Ex-Rasern am Rande der N41 makabre Grabmale aus Plastikblumen-garnierten Autohälften.

Mein Hostal Michel überrascht mich nach bestimmt 500 Hostels weltweit mit Privat-Dorm und einem ausgewachsenem Jacuzi im Wandschrank. Die Besitzer sind echte Schätze, und im Hippie-Paradiesgarten schwirren Kolibris zwischen Kaktusfeigen. Das Internet ist schnell und allein schon der Arbeitsplatz so traumhaft, dass ich hier am liebsten gleich einen ganzen Monat mit gutem Chilenischen Wein verbringen würde.

In nächster Umgebung gibt es Dutzende Observatorien. Ich kann stundenlang den Sternenhimmel anstarren. Aber einen einzigen im Rahmen einer Tour im Teleskop vergrößert zu betrachten ist irgendwie sehr langweilige Pornographie.

Viele der 20.000 Einwohner aus dem Valle de Elqui strömen jeden Abend zum shoppen und quatschen in die kleine Stadt. Das Leben brummt gemütlich hier. Der lokale Alkoholiker begrüßt mich auf’s freundlichste mit Handschlag. Dann gibt er mir Tipps für ein erfülltes Sexleben – soweit ich ihn verstehe.

Gegenüber Ecuador, Peru und Bolivien sprechen die Chilenen hier fast schon eine andere Sprache. Ich verstehe hier nach bisher wenig Problemen praktisch nichts auf’s erste Mal. Sie sprechen extrem schnell und elidieren alle Worte so sehr, daß sich jeder Satz anhört wie ein einziges Wort. Dazu kommt noch eine ordentliche Prise lokaler Dialekt in Form von Vokalverschiebungen.

Im ersten Supermarkt seit zwei Monaten fällt mir auf, wie sehr ich das Angebot vermisste. Für einen kleinen Einkauf wandere ich über eine Stunde lang wie auf Extacy durch seine Gänge und kollidiere blind mit etlichen anderen Wägen. Chilenen schauen mir ins völlig verzückte Gesicht und grinsen.

Der Kitespot liegt elf Kilometer entfernt auf der nördlichen Seite des Embalse Puclaro. Es gibt ein paar kleine improvisierte Schulen mit Leihmaterial sowie Sonnensegel und etwas Plastik zum Aufbauen auf dem harten Strand – sonst nichts. Dazwischen äsen freilaufende Ziegen. Alle Locals und ein permanent ansässiger Argentinier sind super freundlich und hilfsbereit. In meinen vier Tagen waren maximal zehn Kiter gleichzeitig am Wasser.

Der Embalse Puclaro ist ein echter Pro Spot. Das zeigt sich schon beim starten. Ein Berg im Luv produziert recht heftige Verwirbelungen. Auch den durch die Bank weg superfähigen Locals stallt schon mal ein Kite mitten in die Powerzone ab. Beim ersten Start in 25 bis 30 Knoten rutscht mein Adjuster in einer Böe nach oben, und der 9er Rallye reisst mich umgehend 20 m nach Luv. Das einzige was hier hilft ist sofort und schnell ins Wasser fliegen.

Der Stehbereich ist null, der Einstieg ist steinig. Geschult wird trotzdem auch bei über 25 bockigen Knoten. Ist man erst mal 50 m weit draußen wird der Wind konstanter – und nochmal um die fünf Knoten stärker. Gerade in Ufernähe laufen die bis zu 50 cm hohen Windwellen in der perfekten Richtung als Kicker für gigantische Big Airs. Weiter draußen drehen die Wellen mehr nach Luv und sind schwerer zu erwischen.

Mit fünf Meter Grabs bin ich hier das unangefochtene Kiter-Nesthäkchen. Die Locals verkehren vornehmlich im Luftraum oberhalb von zehn Metern. Da das allein in ihren Augen etwas zu sehr abluscht würzen sie das ganze bescheiden mit Doppel-Kiteloops an Dreifach-Rotationen über Handlepasses. Auffallend viele tragen Knieschienen.

Ich genieße jeden Tag zwei bis drei Stunden vollgas, was mir die Anden zwischen 2.500 und 4.700 m im letzten Monat nicht bieten konnten: Hackwind deluxe. Unter 20 Knoten hatte es an keinem Tag. Standard sind 25 bis 30 Knoten ab ca. ein Uhr. Am dritten Tag kachelt es teilweise mit bockigen Spitzen über 35 Knoten, zuviel für Sicherheit mit dem Neuner. Ich warte bis der Wind am späten Nachmittag abflaut.

Ein letztes mal rufen hohe Abenteuer. Der Paso De Aguas Negros ist die knapp 4.800 m hohe Grenze nach Argentinien. Die Erstbefahrung mit einem Dänen scheitert an der 80 km vor die Grenze gelegten Chilenischen Kontrolle. Unsere Pässe liegen 1.500 m tiefer im 80 km entfernten Hostel.

Am nächsten Vormittag läuft’s besser. Die völlig vereinsamten Grenzer am Rand von Nirgendwo verkünden stolz, daß ich heute schon der zweite Kunde wäre. Langsam dämmert mir, warum ich keinen Bus ins gerade mal 300 km entfernte Argentinische 40+kn Hackwind-Revier von Cuesta Del Viento fand: es gibt keine.

Bis zum zweiten Stausee nach weiteren 30 km ist der Weg eine zehn Meter breite geteerte Autobahn, unterbrochen von zahlreichen Brückenbaustellen. Der Stausee auf 3.200 m schaut vom oberen flachen Ende her aus definitiv kitebar aus. Laut Locals aus Vicuña war noch nie jemand draußen. Wer den See entjungfert: Kommentar hier bitte!

Der Weg ist jetzt nur noch eine drei Meter breite Schotterpiste ohne irgendeine Absicherung zum See direkt daneben. Ich bin völlig alleine. Binnen fünf Stunden sehe ich vier Autos. Meines ist das einzige mit Zweiradantrieb und ohne wenigstens 40 cm Bodenfreiheit.

Der Weg führt immer steiler durch entlegendste Mondlandschaft-Täler unter Regenbogen-bunten Vulkanen. Ab 4.400 m schnappt der Vergaser nach Luft. Es bleibt nur noch der erste Gang. Er reitet mich noch 100 Höhenmeter weiter, bis kurz unter die ewigen Gletscher des Anden-Hauptkamms. Zur Passhöhe fehlen mir noch knapp 300 Höhenmeter und zehn Kilometer offroad.

Ich bin so weit von allem und jedem weg, wie mit meinem kleinen Spark nur irgend möglich. Selbst ein kleines Problem wie ein überhitzter Motor wären hier oben garantiert ein Riesenproblem. Ich gebe auf, drehe glücklich um und rase 4.000 m Anden-Achterbahn nach unten.

Die Grenzer zerlegen meinen Wagen und Kitegepäck komplett und weisen mich ob der laut ihnen unmöglich kurzen Fahrtzeit darauf hin, daß sich noch die Möglichkeit eines Souvenirs in Form eines Strafzettels der benachbarten Carabineri-Station bieten würde.

Mietwagen abgeben liegt für mich immer zwischen Zeugnisausgabe und Darkroom. Zuerst sieht die Budget-Frau den Staub außen und grinst amüsiert. Dann öffnet sie die Türen. Sie knartzen jetzt alle. Mimik: Leid macht sich breit. Zuletzt checkt sie den Kilometerstand und bemerkt die Staubschicht im inneren. Vermutlich wollte sie noch nach dem Stop-Word fragen. Doch ich bin schon längst wieder auf dem Weg zu neuen Zielen…

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Ein Kommentar

  • Carin Woelky schreibt am Mittwoch, 20.12.2017 um 17:35 Uhr:

    Der helle Wahnsinn—- mehr sag ich nicht.

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