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Du sollst surfen, nicht surfen!

Die letzten 30 km nach Galinhos führen durch endlose stillstehende Windpark-Wälder über strahlend weisse Sanddünen. Galinhos liegt am Ende einer langen Halbinsel. Die Sandbank bietet eine einmalige Vielzahl von Bedingungen zum Kitesurfen: auf der Landseite liegt eine großes Flussmündung, der perfekte Flachwasser-Spot. Auf der Seeseite brechen die Wellen schön gleichmässig am flach abfallenden Strand.

Schon der erste Sprung im Flachwasser nach den Wellen landeinwärts haut mich gute fünf Meter raus. Landung in den Wellen, turn und wieder raus. Die Wellen sind nicht gross, aber schön lange ziemlich steil. Perfekte Ramps für endloses Gleitsegeln nach Lee. Ich hatte binnen 15 Jahren Kitesurfen noch nie einen Wave-Spot, der in beide Richtungen so schöne Bedingungen bot.

Als ich rausgehe, wird der Spot etwas voll. Voll, das heisst in Galinhos: vier Kiter auf zwei Kilometer. Auch der Grund für den guten Lift wird mir jetzt klar: die anderen Kiter fahren 5 und 7m². Ich war mit 13 draussen, der laminare WInd war sicher genug dafür. Begeistert gehe ich zurück in meine nahe Pousada und verlängere meinen Aufenthalt gleich mal um eine Woche. Dann beginnt das Grauen für Webdesigner.

Ich wandere durch das Dorf. Es gibt eine Bäckerei, vier Tante-Emma-Läden, eine Pizzeria, fünf Pousadas und zwei Kneipen. Das war’s. Was es nicht gibt finde ich am nächsten Tag heraus: wenigstens einen Menschen, der eine meiner Sprachen spricht. Eine Möglichkeit, sich ohne brasilianische Emailadresse und Sozialversicherungsnummer im öffentlichen WLAN anzumelden. Die Möglichkeit, eine Prepaid Card aus Recife auch in diesem Staat aufzuladen. Dem Pousada-PC Reverse Tethering beizubringen.

Mich kennen hier jetzt mehr Menschen als Google. Ich fühle mich wie in einem höllisch schweren 8bit-Nur-Text-Adventure aus den Achtzigern – als Analphabet. Der Pizzabäcker organisiert mir den WLAN-Schlüssel einer nahen Pousada. Deren WLAN reicht genau 5,5 m weit bis auf die von Flugsand gepeitschte sonnige Strasse davor. Toll zum kiten, kacke für Laptop. Mit der neuen SIMcard bekomme ich 2kB/s – einmal pro MInute.

Vielleicht sollte ich einfach mal eine Woche Kitesurfen. Nur Kitesurfen. Ich packe meine Sachen und ziehe an den Eselkarren des Dorfs vorbei. Der Sand ist heiss und die Mauern unverputzt. Im Schatten der wenigen Bäume kitesurunterhalten sich die Mamas. Der Wind am Strand kachelt mit schönen 25 Knoten. Massig Wellen, Big Airs und heftige Crashs. Die Sonne geht hinter den Windrädern unter und ich mit meinen Worten wieder raus. Schaut euch das Luftbild auf Kiteclub Brasil an!

Abends finde ich endlich Menschen meiner Sprache. Der Brasilianische Barkeeper der Wunderbar auf Sylt zieht nach einer derben Sundowner-Starkwindsession wilde Gedankenkreise. Sie reichen von Massenmördern Amerikas bis zur Treue der High-Society-Touristen. Sein perfekter Counterpart ist die bayerische Kitelehrerin. Ich sitze wie die zwei alten Säcke aus der Muppetshow vereint in einer Person dazwischen und folge dem Geschehen als Zuschauer eines hochkarätigen Tennismatches von Satz zu Satz. Die Windräder auf der anderen Seite der Flussmündung blinken wie Christbäumen um die Wette, und die orangen Lichter der Ölplattformen im fernen Meer flimmern leise. Nichts ist unwichtig. Alles gut.

Video Kitesurfing Galinhos, unten ohne Sound. Besser: mit Sound via Videodoubler.



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