Die Kampfköter von Santa Marianita

0111
2017
Mi
23:12
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Mit dem Bus geht es den ersten großen Schritt über zehn Stunden und 3.000 Höhenmeter runter an den Pazifik. Die Liegesitze und Beinfreiheit sind das reinste Paradies. Ich arbeite, blogge und schneide Videos. Die Sonnencreme implodiert und die Gopro geht nicht mehr auf. In Santa Marianita jagen bellende Hunde mein Taxi ins kleine Hostel Punta La Barca direkt am Hang über dem Kite Beach.

Schon beim ersten Spaziergang fallen mich drei Kampfköter der Nachbarin an. Einer beisst mich ordentlich in den Fuß. Antibiotika bügeln die folgende Infektion platt. Ich hatte in meinem Leben vier Hunde, hab Nepalesische Tempelhunde zum singen und Höllenhunde zum schweigen gebracht. Ich kan gut mir Hunden. Bei diesen Scheiss Kampkötern hier hilft nur eines.

Ich hole mir einen Stock und einen Stein und komme an den jetzt noch aggresiveren Hunden diesemal ohne Biss im Rückwärtsgang mit dem Stock schwingend vorbei. Schon im sechsten von acht Minitiendas gibt’s Kippen zu kaufen. Also, manchmal. Nach einer halben Stunde finde ich das einzige offene Restaurant. Überall laufen knurrende Kampfköter mit frischen tiefen Wunden rum. Über den Strand schleich ich mich hinter den Hunden vorbei zurück ins Hostel. Das Dorf ist wie ausgestorben, nur ein paar Ecuadorianer in einem Ferienhaus saufen dermaßen laut, daß sie auch meine dritte laute Frage nach dem Weg nicht hören. Oder wollen.

Das Hostel Punta de la Barca ist schön und die Niederländisch/Ecuadorianischen Besitzer ebenso Kiter und echte Spätzle. Ich hab schon wieder einen ganzen Dorm für mich allein, nur ein netter Leipziger Permanomade und Kiter ist noch da. Das Panorama vom Arbeitsplatz auf den Pazifik über ein paar Hühner und Geckos könnte nicht besser sein. Vormittags wird gearbeitet und Nachmittags gekitet.

Der heisse schwarze Lavasand am Strand ist duchsetzt mit großen runden Kieseln. Bei Flut ist der Strand fast komplett weg, das Ufer an zahlreichen Stellen befestigt oder die abgerutschten Häuser aufgegeben. Santa Marianita ist aufgrund des extrem trockenen sandigen Hinterlandes samt relativ kühlem Pazifik davor eine echte Thermikmaschine. Sobald der Himmerl aufreisst und es warm genug wird kommt der Motor in Gang. Als Kiter werde ich jedoch leider immer mehr zum Bioindikator der Erderwärmung. Eigentlich bedeutet Hitze mehr Luftbewegung. Aber auch hier und dieses Jahr bleibt der Wind mal wieder weit hinter dem Standard zurück – wie an allen weltweiten Zielen der letzten Jahre.

Am ersten Tag blasen gemütlich 16 Knoten Sideonshore aus Südwest über unendlich smoothe bis zu 1,5 m hohe Wellen in angenehmen 10m-Abständen. Die neue Slingshot Bar haut gut hin mit dem Ozone Edge 13 – nur einen Pigtail am Strand zu verlieren war blöd. Der nächste Kiteshop dürfte im Peruanischen Mancora sein. Sind nur knapp 600 km. Improvization rules.

Der Permanomade bringt mir gleich zwei Arten zum selber Starten und Landen bei – wurde mal Zeit im 19. Kiterjahr. Selber starten und landen braucht man hier auch. Einen Kilometer weiter sind vier Kiter draußen. Aber die oberen zwei Kilometer Strand habe ich komplett für mich allein. Erste Kitesession der Reise. Spät Nachmittags schön fertig und von einigen Wellen sauber gewaschen wieder Bergsteigen, rauf zum Hostel.

Am nächsten Tag schaue ich mir mit Stock und Stein bewaffnet das Dorf genauer an. Kampfköter eins bis drei sind gerade mal offline. Die Tatsache, daß der richtig große schwarze Hund der anderen Nachbarn immer nur Einheimische beissen würde (keiner seiner 10 bisherigen Opfer war Besucher) beruhigt mich nicht sonders. Auf dem Rückweg einer reichlich erfolglosen Futtersuche fallen mich wieder zwei Hunde an. Angeblich würden sie nur bellen. Sorry, ich hab keine Probleme mit Gestik und Mimik! Der erste bekommt sofort mit dem Stock kräftig eine übergezogen und trollt sich, der zweite widmet sich meinem geopferten Abendessen.

Gerade an armen Orten fällt es mir meist leicht, mich auf die kleinen schönen Sachen zwischen dem Dreck zu konzentrieren. Das Lachen der Kinder. Eine Blume am Straßenrand. Oder der Duft aus einem Küchenfenster. An Santa Marianita scheitere ich diesbezüglich. Der Turbovirus, der in den letzten Tagen das halbe Dorf für einen Tag auf’s Klo verbannte erwischt auch mich trotz Antibiotika am letzten Tag. Next!

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