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Cut!

Am dritten Tag hackt der Wind in Tarifa mit guten 35 Knoten. Da wir am Abend sowieso Max vom Flughafen in Jerez de la Frontera abholen müssen, entscheiden wir uns, dem Wind nach Nord-Westen auszuweichen. In der schönen Bucht von Canos de Meca sind schon ein paar Kiter im auch hier noch recht starken sideshore-Wind bei eineinhalb Meter Seegang draussen.

Einige ältere Locals kommentieren die Windverhältnisse mit „Hasta manana!“ und packen schon mittags ein. Sie haben recht. Der Wind ist nicht nur stark und bockig, sondern auch mit reichlichen Null-Löchern durchsetzt. Wie an einem großen Flügel reisst die Strömung hinter der Landenge von Tarifa immerwieder einige Minuten vollkommen ab.

Erst pumpen wir Sinus wie blöd und treiben ein gutes Stück ab. Dann ballerst wieder wie kernig. Ich hatte schon einige Tage das Gefühl: „Es droht Ungemach“. Mein Rücken flüstert nach ein paar harten Gleitschirm-Landungen direkt vor der Abreise „Vorsicht!“. So kite ich auch. Hilft aber leider alles nicht. Die derben Böen reissen mich einige Male brutal über hohe Wellen, gefolgt von dezenten Einschlägen in den nächsten Wellenberg. Stürze braucht es nicht, um irgendwo weit unten im Rücken ein Knacken zu spüren und zu wissen, dass das Schicksal mal wieder ein „Cut!“ in die Szene geschmissen hat.

Ich kurve eine gute Stunde, bis keiner mehr draussen ist. An den Strand komme ich ein gutes Stück im Lee, gerade noch hinter einige Sonnenbadende, dann fällt mein Kite in einem weiteren Null-Loch aus dem Himmel. Ich denk noch nichts böses. Wir holen Max vom Flughafen ab und fahren zurück nach Tarifa. Mein Rücken beginnt zu jodeln.

Essen gehen und eine schnelle Kneipentour durch die unendlich abwechslungsreichen und schönen alten Bars Tarifas. Ab ins Bett zu für spanische Verhältnisse mehr als dezenten kurz nach Mitternacht. Das Morgen ist Grauen.

Ich komme kaum aus dem Bett. Das Material schaffe ich noch zum Auto zu tragen, und danch an den Strand. Ich breche in einen Liegestuhl zusammen, und komme einige Stunden nicht mehr raus. Cut. Der Wind ballert heute mit gemessenen 40+ Knoten. Max und Dominik weichen wieder aus nach Canos de Meca. Ich trampe zurück nach Tarifa.

Das Krankenhaus akzeptiert nur Spanier, aber der auf Surfer-Verletzungen spezialisierte Dr. Navarro im Zentrum nimmt mich noch in seiner eigentlich schon längst angebrochenen langen Siesta dran. An der Wand im Behandlungszimmer hängen Bilder von deformierten Surfer-Füssen. Röntgen, Checkup. Attest: Akuter Lumbago. Nr. 37? Ich zähle schon lange nicht mehr. Es wird immer häufiger, trotz Training.

Der Doktor zeigt mir die Narben seines Bandscheiben-OPs. Surfermedaillen. Daher macht er also Überstunden für mich. Er versteht: Das Schicksal spielt mal wieder „Liebt mich – liebt mich nicht“ mit meinen Federn. Ohne Flügel im Himmel der Kiter – das ist wenigstens so beschissen wie ein Blinder in der Stripshow, eine Tucke im Bordell oder ein trockener Alki auf Werksbesichtigung bei Hendricks.

Der Doktor legt klassische Musik auf. Zu Mikrowellen, Tense und Infrarot schlafe ich ein. Nach einer Massage kann ich zumindest wieder gehen. Also gehe ich ins Bett. Am Abend Apotheke und Painkiller, nochmals verzweifelte Wlan suche, aber nichts geht. Schreiben auf der Dachterrasse. Das benachbarte Paar streitet den dritten Tag in Folge lautstark. Es ist unglaublich, wieviel Verzweiflung manche Menschen Hoffnung schimpfen. Der Liegestuhl hängt rechtsseitig durch wie ich. Die nächsten vier Tage werden Hölle im Himmel – aber wohl wenigstens mit reduziertem Jodeln.



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