Always almost windy @ Gökova

1305
2013
Mo
7:07
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Die Türkei ist für Deutsche in Zeiten NSU und einem mal wieder deutlich zutage tretenden Rechtsdrall von Polizei und Innenministerien ein Krisengebiet. Am Flughafen spricht uns die deutsche Reiseleiterin auf Englisch an. Erst im Bus vor kleiner Runde wechselt sie auf leises Deutsch.

Wir probieren erfolglos das gleiche. Aber selbst in Touristen-Zentren sprechen Türken weniger Englisch als Thais am Rande vom goldenen Dreieck. Ich am Flughafen „Surfboard: where?“. Türke zeigt zum Gepäckband. Kommt natürlich ganz woanders raus, „Surfboard“ ist einfach zu multilingual.

Im Hotel in Marmaris bestellen wir auf deutsch ein türkisches Bier. Nach dem dritten vergeblichen Versuch grinst der Ober irgendwie hämisch, stammelt anscheinend hochkomplexe Lautverschiebungen begreifend „Ah, Biera!“ und macht uns glücklich. So fühlen sich also Marsmenschen im All-Inclusive-Urlaub.

Wenig später wird unser Mietwagen unter eindringlichen Warnungen vor Polizeikontrollen geliefert. Auf der Strecke zum Thermik-Kitespot Gökova am nächsten Vormittag pflichten wir dem uneingeschränkt bei. Die Straße ist wie A93 Holledau – und permanent auf bis zu 50 km/h beschränkt. Für die 30 km fast-Autobahn braucht man dank wenigstens zwei Polizeikontrollen wenigstens eine halbe Stunde. Am letzten Tag stoppen sie uns auch. Unsere vier Kiteboards auf dem Beifahrersitz werden als würdig türkischer Transportgepflogenheiten erachtet – meinen vergessenen Führerschein interessiert die behelmte Miliz zum Glück nicht.

Gökova liegt am Ende einer langen Meeresbucht. Im Norden liegt ein 900 m hohes Karst-Gebirge, das den Wind kanalisiert. Das Hinterland im Osten ist recht trocken und erinnert irgendwie an den Gardasee. Hier steht der Thermik-Motor: wenn es sonnig ist, und am Vortag nicht regnete, ist es always almost windy. An den 5 km vom nächsten Dorf entfernten Kitebeach kommt man leider nur mit eigenem Auto.

Die Gemeinde Gökova hat den mitten im Binsen-Naturschutzgebiet liegenden Kitebeach an einen „Investor“ verpachtet. Der Zutritt kostet für Kiter 5 € am Tag, Anfänger zahlen sogar 12,50 €, Schwimmer sind frei. Der Kontrolleur verfügt zum Glück über ausgezeichnete Mathe-Kenntnisse: vier Menschen mit vier Kiteboards in einem Auto machen eindeutig zwei Kiter. Auf diese Meinung beharrend kommen wir eine ganze Woche durch. Macht das gleiche!

Für den Wegzoll erhält man die einmaligen Möglichkeiten, eine Steh-Toilette zu benutzen, sowie das Recht im überteuerten Restaurant zu dinieren. Angeblich wird von dem Geld ein Lifeguard samt Rettungsboot bezahlt. Bei 100 m stehtiefem Wasser und stets voll onshore Wind ist das ersten vollkommen überflüssig und zweitens sehen wir eine Woche lang keines von beidem. Das Geld fliesst zu 100% in die Bestechung. Gerade planieren sie mit Baggern einen weiteren Hektar Naturschutzgebiet für Stehklo Zwei und Kiteschule Neun.

Der Wind bläst unglaublich konstant in Gökova. Die ersten drei Tage gibt’s Tralala-Kiten bei gerade mal mit 12 bis 15 Knoten. Dann einen Tag Flaute und die archäologischen Ausgrabungen in Knidos am Ende der Datca Halbinsel. Am vorletzten Tag erscheint ein zweiter Max, lieber Mitreisender von der Philippinen-Kite-Odyssee vor zwei Jahren. Endlich bläst es mal ordentlich mit 20 Knoten, welche sauberste endlos-abreit-Wellen von bis zu einem Meter vor sich hertreiben. Wir kiten in die Binsenberingte Flussmündung, Französische Freaks semmel einen dicken Sprung nach dem anderen hin.

Abends eine Höllen Tour durch die Kneipenstraße von Marmaris mit Vodka-Büll Abzockern ohne Ende. Wenn man nicht handelt, zahlt man mehr als Münchner Schickeria-Preise. Je später der Abend, desto mehr nervt’s. Disco an Disco, tausende Leute und bümm bümm. Am letzten Tag wehen nochmal schöne 17 Knoten durch unsere leergespülten Hirne. Wir sind recht alle.

Einen besonderen Dank möchte ich der TUIfly sagen: 1,99 € pro Minute für 0900 Nummer zum Anmelden des Kiteboards für ohnehin stolze 130 Euro reichen nicht, also addieren sie noch 7 Euro Kreditkartengebühr und schwupps kostet eine Kiteboard-Mitnahme 160 €. Das ist mehr als unverschämt. Das ist Wahnsinn. Nie wieder TUIfly.

Den zweiten Max triffts noch besser. Er hat mit Öger Tours gebucht. Condor begnügt sich mit 100 € für das Kiteboard. Aber die Raubritter vom Transferbus wollen 80 € für 60 km mit dem Kitebag. Sogar Taxifahren war günstiger für sie. Wir Kiter müssen uns erheben. Das geht so nicht weiter!

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