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The Noosa Downwinder

Die Tage kommen und gehen. Der Ort ist gut, aber es passiert trotzdem nix. Die Reisenden trinken, nicht mit Vernichtungsabsichten aber doch reichlich grundlos und ohne bleibende Ergebnisse. Der kleine Schalter hinter meinem rechten Ohr rutscht unbemerkt von „Leben“ auf „Überleben“. Ich bleib nicht draußen, aber bin auch sicher nicht drinnen.

Der zweite Mechaniker ist ein gelber Engel in grau – ohne für ADAC löhnen zu müssen. Binnen 5 Tagen tauscht er die Wasserpumpe aus und passt die Ventileinstellungen an. Trotz einem schweren Arbeitsunfall macht er mit einer Hand mein Auto wieder fit in der versprochenen Zeit. Ich geb ihm guten Bonus und bin glücklich, weiterreisen zu können.

In Noosa sollte der Wind fünf Tage nonstop blasen wie Hölle. Was wir hatten war Höllen Regen. Die letzten zwei Tage war der Mechaniker zwei mal hier, um mir den im Auto vergessenen Kite zu übergeben. Aber erst ein Marsch nach Canossa bringt Erfolg. Dinge verdienen. Am letzten Tag bläst der Wind endlich.

Das Shuttle bringt mich rüber an den Sunshine Beach. Ich schieß ein Foto, ich mit Kite und Wellen. Schwupps, hält ein Aussie an. „Ey Bro, wanna go for a Downwinder?“ Klar. Ich hupf in seinen Bus. Kerry stammt aus Mount Maunganui in Neuseeland, genau wie mein aktueller Kite. Ein Zeichen!

Kerrys Freundin Katie liefert ein zweites Auto, und nach ner halben Stunden sind wir draußen am Sunshine Beach. Ein paar Aussie-Kiter witzeln: da draußen ist irgendwo ein Hai. Was soll ich sagen? Der Wind auch und Shit happens anyway.

Der Wind bläst mit 20 Knoten voll onshore. Wellen 1,5m.Genau wie ich’s nicht mag, aber egal: Wind is Wind. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals binnen 2h und 5km so oft gewaschen worden zu sein. Immer wieder über die breite Brandungszone. Der mittlere Kamm ist der gemeinste. Ich komm drüber ich komm drüber ich…SHIT…dann Schleudergang, immer wieder.

Die beste Welle des Tages bricht direkt über mir. Der Zug auf den Leinen ist zu gering, um den Kite in der Luft zu halten. Nach 10 Sekunden unter Wasser hohle ich tief Luft. Meine Beine sind von den Kiteleinen umwickelt. Dann kommt der Zug mitten in der Powerzone. Wäre sicher ein Bitte-Lächeln Video wert gewesen: Frank. Leinen um die Haxen, Powerstart Fuß voran. Keine Kontrolle, Vollgas auf dem Hintern Richtung Strand.

Ich befreie mich irgendwie, dann wickelt sich die Fünfte Leine um die Kitemitte. Neben mir die kleine Australierin, eine Ballerina auf Extasy in den Wellen. Ein Jahr Erfahrung gegen zehn. Ohne Neopren wär ich sicher ganz klein gewesen….

Ansonsten? Ist ein bisschen wie Sodom und Gonorrhöe im Paradies auf Fiji gerade. Aber wenigstens kennen sich die Menschen am nächsten Tag noch. Manche sogar für mehr als zwei. Da kann man Zuschauen, es ist nicht spaßig, aber es geht.

Ich spiele Schach gegen einen Finnen mit einem Springer-Tattoo auf dem Oberarm. Er ist arrogant, laut, egoistisch. Kurz: Ein Arsch. Die Sympathien der Zuschauer sind auf meiner Seite. Nach zehn Zügen habe ich seine Dame, werde trotzdem nicht überheblich, spiele konzentriert weiter. Doch selbst besoffen ist er zu gut. Ich verliere nach 1,5h einen Liter Bier, der ihn wohl auch nicht dümmer machen wird. Schade. Seinen Sieg feiert er wie John McEnroe damals einen Verlust im Tennis.

Ich arbeite parallel an sechs Projekten. Einerseits brauche ich das Geld, andererseits ist es auch das erste Mal auf der Reise deutlich zu viel. Ich seh nix mehr, rödle nur noch sechs bis acht Stunden am Tag. Konto auffüllen, um die Reise in freien Tagen wieder genießen zu können.

Eine kleine Deutsche vergibt sich wie aus der Pistole geschossen auf die Frage einer bisexuellen Britin hin eine eiskalte zehn von zehn. Beeindruckend war nicht der Grund, sondern die Überzeugung. Etwas lernen: Leben ist nicht was man sieht, sondern wie man’s sieht. Wie’s dann aussieht mag beeindrucken. Aber es ist nicht wichtig. Was auf Dauer bleibt, kann nur die Faszination der Überzeugung sein – oder die Einsicht, dass das was man sehen wollte nie das war, was vor einem passiert.



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1 Kommentar zu “ The Noosa Downwinder ”

Tach Frank! Dachte ich lass Dir gleich mal ein Grüßle da, wenn ich schon seit Ewigkeiten wieder vorbeischau! Apropos Vernichtungsabsichten- wann bist Du denn wieder im Lande? Dann gehn wir mal wieder auf Tour! Witzige Stories wie immer hier (Handy und Junky hat mir gut gefallen :o) ….Hau rein!
P.S. für ein Schach bin ich auch mal zu gewinnen
LG, Seb

Kommentar von Seb am 17.2.2008

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